Mittelalterlicher Kelchschrank wird restauriert und erforscht


Kelchschrank 1

Im Doberaner Münster wird derzeit ein ganz besonderes mittelalterliches liturgisches Ausstattungsstück restauriert, der Kelchschrank aus der Zeit um 1300. Er gehört zu den wenigen erhaltenen hochmittelalterlichen Schränken dieser Art europaweit.

Als Aufbewahrungsort für die liturgischen Geräte (Vasa sacra – Kelche, Patenen, Kannen, Löffelchen) ist er ein bedeutender Bestandteil der Erstausstattung des Münsters. Seine bemalten Türinnenseiten zeigen Abel mit dem Lamm Gottes und den Priesterkönig Melchisedek. Den aufwendig gestalteten Aufsatz bekrönt der segnende Christus. Wesentliche Reste der Originalbemalung und Vergoldung zeugen von der einstigen farbigen Gestaltung.

Die Arbeiten führt der Rostocker Diplom-Restaurator Heiko Brandner vor Ort aus. Im Mittelpunkt steht die Sicherung der überlieferten Substanz, nicht die Wiederherstellung eines vermeintlich ursprünglichen Zustands. Staub und Schmutz wurden behutsam entfernt, gelockerte Grundierungs-und Farbschichten gefestigt und instabile Holzverbindungen gesichert.

Besonders am filigranen Maßwerk des Aufsatzes hatten sich Teile gelöst; andere Bereiche sind durch frühere Reparaturen und stark korrodierte Nägel beeinträchtigt. Fehlende Holzteile sollen im Sinne des konservatorischen Konzepts nicht ergänzt werden. Sämtliche Maßnahmen werden schriftlich und fotografisch dokumentiert.

Über die Restaurierung hinaus sind weiterführende Untersuchungen vorgesehen, die neue Erkenntnisse zur Entstehung und Veänderung des Schrankes liefern sollen. Dazu werden seine Konstruktion, Holzverbindungen und Beschläge systematisch erfasst sowie maßstäbliche Fotografien und Zeichnungen angefertigt.

Geplant sind außerdem die Bestimmung der verwendeten Holzarten und ergänzende dendrochronologische Untersuchungen. Die bisherigen Ergebnisse aus den 1990er-Jahren bedurften einer Neubewertung. So viel darf schon verraten werden: Nach der jüngsten dendrochronologischen Untersuchung, die Tilo Schöfbeck (Schwerin) und Dr. Karl-Uwe Heußner vor einigen Wochen durchführten, wird der Eichenschrank auf die Zeit um 1295 datiert. Damit ist er noch etwa zehn Jahre älter als bei einer früheren Untersuchung ermittelt. Damals standen noch nicht ausreichend Vergleichsmuster zur Verfügung. Anders als in den 1990er Jahren angenommen, ist das Holz nicht niedersächsischer Herkunft, sondern stammt von einheimischen mecklenburgischen Eichen. Weitere Details zu den noch laufenden Untersuchungen veröffentlichen wir zu einem späteren Zeitpunkt.

Kelchschrank 2

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt gilt den erhaltenen Farbfassungen. Mikroskopische Untersuchungen und kleinste Materialproben sollen klären, welche Bema­lung ursprünglich ist und welche Schichten späteren Überarbeitungen angehören.

Kelchschrank 4

Analysen von Pigmenten und Bindemitteln ergänzen diese Untersuchung. Vorgesehen sind auch Aufnahmen unter UV-Licht; die Möglichkeiten zusätzlicher hyperspektraler, Röntgenoder Infrarotuntersuchungen werden geprüft. Zusammen mit den bereits erschlossenen archivalischen Quellen können die Befunde helfen, frühere Umbauten und Reparaturen nachzuvollziehen. Eine seit langem diskutierte wichtige Frage ist dabei, ob der Schrank und sein Aufsatz ursprünglich zusammengehörten.

Kelchschrank 4

Ermöglicht wird die gesamte Restaurierung durch einen Bad Doberaner, der die Kosten aller konservatorischen Maßnahmen übernimmt. Die anschließenden weiterführenden Untersuchungen finanziert der Denkmalfonds des Kirchenkreises Mecklenburg. Dieses private und institutionelle Engagement ist entscheidend dafür, das herausragende mittelalterliche Ausstattungsstück dauerhaft zu bewahren und seine Geschichte und kunsthistorische Bedeutung genauer zu erschließen. Ohne den privaten Großspender könnten die Arbeiten, die schon seit Jahren auf der Prioritätenliste der Münsterverwaltung und der Münsterbaukonferenz stehen, nun nicht realisiert werden. Ganz herzlichen Dank dafür!

Text: Martin Heider (unter Verwendung der Angebots-,Konzeptions-und denkmalrechtlichen Unterlagen).

Foto 1: Beratungstermin am Kelchschrank mit Friederike Funke, Amtsrestauratorin beim Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern (Mitte), Manuela Thews, Referentin für Restaurierungen im Landeskirchenamt der Nordkirche (vorne links), Diplom-Restaurator Heiko Brandner (Rostock) (links).