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Backstein Architektur und Zisterzienser in Dänemark

Ass.-prof. Hans Kronsgaard Kristensen, Universität Aarhus, Dänemark

Den jüngsten Untersuchungen zufolge sieht es so aus, dass der älteste Backsteinbau in Dänmark im Refektorium beim Domkapitel in Ribe zu finden ist. Der Bau war um 1150 aus kleinen Backsteinen (6 x 12 x 24 cm) mit etwas unsicherem Verband errichtet worden. Die Backsteine sind möglicherweise importiert worden, und in diesem Zusammenhang ist es nicht uninteressant, dass man in Verden a. d. Aller um 1150 ein paar Kirchen mit entsprechenden kleinen Backsteinen gebaut hat. Da die Aller ein Nebenfluss der Weser ist, auf der man den Sandstein für den Bau des Doms in Ribe heranschaffte, konnte man problemlos auch Backsteine auf den Schiffen mitnehmen.

Das Äußere des Doms in Ribe ist stark restauriert, man kann also nicht wissen, ob Backsteine ebenso wie Tuffstein verwendet worden sind. Andererseits sind Backsteine im Inneren der Kirche in der Westpartie verbaut worden.

Die Verwendung von Backsteinen in Ribe kann den Anstoß dafür gegeben haben, beim Bau des Doms in Börglum sehr früh, vermutlich in den 1170’ern, von Granit zu Backstein zu wechseln. Hier verbreitete sich die Backsteinbauweise schnell in den Dorfkirchen, wie etwa in Bindslev, wo man den Dachstuhl über dem Chor um 1190 errichtet hat. Die Backsteinbauweise in und um Börglum war durch den Baustil in Ribe und in Viborg angeregt, dessen Herkunft in der von Lisenen geprägten Architektur der niederrheinischen Gegend zu suchen ist.

Ein weiterer Bereich der Innovation auf der jütländischen Halbinsel war der Bau der Waldemarsmauer als Teil des Danewerkes. Das Bauwerk aus Backstein wird auf der Bleiplatte aus dem Grab Waldemars d. G. in der Kirche von Ringsted als eine seiner wichtigsten Taten gerühmt. Waldemar starb 1182, der Bau wurde sicher schon viele Jahre vorher begonnen. Vermutlich bildet der in der Nähe des Danewerkes gelegene große Backsteinbau den Hintergrund dafür, dass man den romanischen Dom in Schleswig mit Backsteinen zu Ende führte. Für die Waldemarsmauer verwendete man Backsteine mit den Maßen 7,5-8,5 x 11-12 x 24-27 cm. In den ältesten Kirchen auf Seeland kann die Länge etwas unregelmäßig sein und über 30 cm hinausgehen.

 

Backstein in Seeland im 12. Jahrhundert

Die mit Sicherheit ältesten Backsteinbauten einheimischen Fabrikats scheinen noch immer die beiden Klosterkirchen in Ringsted und Sorø zu sein. In Bezug auf Ringsted geht man davon aus, dass der große Backsteinbau von Waldemar d.G. einige Jahre, nachdem er 1157 Alleinherrscher geworden war, errichtet worden ist. Man nimmt an, dass bei dem großen kirchlichen Fest im Jahre 1170 u.a. mit der Heiligsprechung Knud Lavards ein beträchtlicher Teil der östlichen Partie fertiggestellt war. In Sorø wurde das bescheidene Benediktinerkloster im Jahre 1161 zu einem Zisterzienserkloster reformiert. Erst nach diesem Ereignis kann der große Backsteinbau entstanden sein.

Möglicherweise haben wir auch bei dem Kloster in Esrum, das als Benediktinerkloster gegründet und 1151 von Zisterziensermönchen aus Clairvaux übernommen worden ist, mit einer frühen Backsteinphase zu tun. Die Datierung der ältesten Bauten hier ist ein wenig unsicher; interessanterweise aber hat man Backsteine mit etwas kleineren Maßen gefunden als denjenigen, die man in Sorö und Ringsted benutzt hat, nämlich 6,5-7,5 x 9,5 - 10,5 x 20,5-23 cm. Man hat darauf hingewiesen, dass dies eine frühe Verwendung von Backsteinen wahrscheinlich macht; aber neuere Untersuchungen in Esrum scheinen doch erforderlich zu sein.

In den beiden Klosterkirchen in Ringsted und Sorø wird der Grund gelegt für eine Backsteinarchitektur, die man den Seeländischen Stil nennt, dessen Elemente sich beispielsweise im Dom zu Roskilde und in der fünftürmigen Kirche von Kalundborg wiederfinden, wie der Stil natürlich auch in einer Reihe kleinerer Kirchen in Seeland und Møn sowie im schwedischen Schonen vorkommt.

Die Architektur des Seeländischen Stils ist deutlich französisch beeinflusst mit den stark gliederten Pfeilern. Trotz der verbreiteten Annahme, die Kunst des Backsteinbrennens sei ein direkter Import aus Norditalien, hat man in Wirklichkeit in den dänischen Backsteinkirchen nur recht wenige und unbedeutende Details lombardischen Ursprungs gefunden; die übergeordnete Bauform und die architektonische Eigenart sind nicht aus den norditalienischen Kirchen nach Dänemark übertragen worden.

In den Bauten kommen manche charakteristische Elemente vor. Die Pfeiler sind aus unterschiedlichen Teilen zusammengefügt:

-  kräftige Halbsäulen, schlanke Dreiviertelstäbe und Falze,

-  eine ausgearbeitete Basis der Pfeiler – oft attisch geformt und an den Ecken mit Knospen oder Blättern versehen,

-  die Basis steht auf einer Plinthe, die auch mit Profilierungen versehen sein kann,

-  die Säulenschäfte sind nach oben durch Kapitelle mit trapezförmigen Seiten und gerade abgeschnittenen Ecken abgeschlossen,

-  Gesimse (an der Außenseite) sind von runden Bögen getragen – in Ringsted und in Sorö ruhen die Bögen auf einer Reihe von Zwergsäulen, die eine sogenannte Blendgalerie bilden,

-  die Fenster- und Türbogen sind in der Regel im Binderblockverband gearbeitet, und darüber befindet sich oft eine Läuferschicht aus gekrümmte Läufern.

Im Zisterzienserzusammenhang ist das wichtigste auf uns gekommene Denkmal aus dem 12. Jahhundert natürlich die Kirche in Sorø, aber es herrscht gewiss kein Zweifel, dass die Kirche in Esrum mit ihren sehr großen Dimensionen in der damaligen Zeit genauso bedeutungsvoll gewesen ist.

 

Die Zisterzienserarchitektur in Jütland im 13. Jahrhundert

Um 1200 wurde dieser Seeländische Stil auch in Jütland eingeführt, zuerst am Dom zu Aarhus und an der Zisterzienserkirche in Vitskøl. Später dehnte sich der Stil auch auf die anderen jütländischen Zisterzienserklöster aus, von denen jedoch nur die Kirche in Løgum ganz bewahrt ist. Ausgrabungen in Øm und Tvis zeigen, dass die Formen weitgehend denjenigen ähnlich sind, die wir von den Ruinen in Vitskøl kennen. Ebenso deuten Studien darauf hin, dass auch die Kirche in Holme auf Fünen in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts mit derselben Formsprache begonnen worden ist.

Die Klosterkirche in Ryd (Rude) ist einzig aus Untersuchungen mit Georadar und Magnetometer bekannt; aber der Bauplan entspricht völlig der typischen bernardinischen Zisterzienserreform und hat nahezu dieselbe Größe wie die Kirche in Sorø.

Das Kloster Aas in Halland (Schweden) ist auf ähnliche Weise nur mit Hilfe von Georadar nachgewiesen. Einzelfunde zeigen jedoch, dass das Kloster hier − in einem Gebiet mit Bruchsteinarchitektur − mit Backsteinen aufgeführt war.

Von den dänischen Zisterzienserkirchen war nur die Kirche in Herrevad (heute Schweden) nicht mit Backsteinen gebaut. Herrevad war 1144 gestiftet worden, der Bau dieser Kirche ist somit vor dem Einzug des Backsteins in Nordeuropa begonnen worden.

Zur dänischen Zisterzienserarchitektur sind auch die Klöster der wendischen Gebiete zu zählen mit der Zisterzienserabtei Dargun, die von 1172 an entstand und 1199 nach Eldena verlegt wurde sowie das 1173/74 gegründete Kloster Kolbatz in Pommern. Es war in erster Linie der jütländische Zisterzienserstil des 13. und nicht der seeländische des 12. Jahrhunderts, der für die Klöster im Wendischen Bedeutung hatte. Auf diesem Gebiet hat sich die ältere Forschung in allzu hohem Maße auf den Seeländischen Stil konzentriert.

Die ältesten Teile von Vitskøl und Kolbatz (um 1200) haben nicht nur die mehr übergeordneten Formen gemeinsam; bis ins kleinste Detail gibt es genaue Übereinstimmung. An den Basen der Halbsäulen der Pfeiler findet man einen Verband, der in der Regel glatt ist, der aber in beiden Klosterkirchen und im oberen Chorgang im Dom zu Roskilde eine gleichartige Riefelung aufweist, als wenn man in feuchtem Zustand einige Finger an dem Stein entlanggezogen hat. Hier hat man den Eindruck, dass überall dieselbe Bauhütte gearbeitet hat.

Die Kirche in Løgum ist etwas jünger und hat eine lange Baugeschichte, man datiert sie üblicherweise in den Zeitraum zwischen 1225 und 1325. Man hat mehrfache Baustopps und wesentliche Änderungen der Baupläne nachweisen können. Die Bauzeit der Kirche in Løgum ist so lang, dass sie auch ganz allgemein die Veränderungen in der dänischen Architektur dieser Epoche widerspiegelt. Am Anfang und in der Mitte des 13. Jahrhunderts kann man eine schnelle Entwicklung neuer Formen beobachten, die dazu geführt hat, dass man vor der Fertigstellung des Baus Änderungen vornimmt wie z.B. die Erweiterung der östlichen Kapellen und den Einbau neuer und größerer Fenster. Demgegenüber ist allerdings der Abschluss des langen Bauverlaufs von konservativem Festhalten an den alten Architekturformen gekennzeichnet.

Der östliche Teil der Kirche in Løgum mit der innovativen Architektur der Mitte des 13. Jahrhunderts scheint in engem Zusammenhang mit der zeitgenössischen Architektur der Zisterzienserkirchen in Eldena und Dargun gestanden zu haben.

 

 

 

 

Prof. ass. Dr. Hans Krongaard Kristensen

Universität Aarhus, Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Renaissance

 

Wissenschaftlichen Schwerpunkte:

 

·         mittelalterliche Backsteinarchitektur Dänemarks,

·         topographische Entwicklung Viborgs im Mittelalter,

·         Architekturgeschichte der mittelalterlichen Klöster Dänemarks.

 

Publikationsauswahl:

 

·         Faser i Viborgs topografiske udvikling 1000-1500, in S. Bitsch Christensen (hrsg.), Middelalderbyen, Aarhus 2004, S. 79-96.

·         Backsteinarchitektur in Dänemark bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, in M. Gläser u.a. (hrsg.), Dänen in Lübeck 1203-2003. Danskere i Lübeck, Lübeck 2003, S. 94-103.

·         Korsgangsmotivet ved danske klostre, in: I.-L. Kolstrup (hrsg.), Aspekter af danskklostervæsen i middelalderen, 2000, S. 47-76.

·         The Franciscan Friary in Svendborg, Svendborg1994