• Hochaltar Ältester Flügelaltar der Kunstgeschichte

Landespolitik will Doberaner Münsterausstattung in Welterbeliste führen

Zifferblatt der ehem. Astronomischen Uhr (um 1390)
Zifferblatt (unterer Bereich)
Zifferblatt - König Alfons X. v. Kastilien
Marienleuchter - Madonna (um 1300)

 

Mai 2012: Positive Wendung im Antragsverfahren - Eindeutiges Votum des Landtages Mecklenburg-Vorpommern - Doberaner Welterbeantrag geht an Kultusministerkonferenz

 

Für die Bundesrepublik Deutschland wird eine neue Vorschlagsliste (Tentativliste) für das UNESCO-Welterbe vorbereitet. Dazu konnte jedes Bundesland bis zum 01.08.2012 bei der Kultusministerkonferenz zwei Vorschläge einreichen. Für das Doberaner Münster ergab sich mit der Öffnung der deutschen Vorschlagsliste die einmalige Chance, über das anstehende Auswahlverfahren auf diese Vorschlagsliste zu kommen.

 

Als entscheidender Schritt im Bewerbungsverfahren wurde am 23. Mai 2012 durch alle demokratischen Parteien im Landtag Mecklenburg-Vorpommerns ein eindeutiger Landtagsbeschluss gefällt, das Doberaner Münster gleichberechtigt mit dem Schweriner Residenzensemble auf die Tentativliste zu führen.

 

In der Landtagssitzung wurde hervorgehoben, dass der Antrag für eine hochgotische Innenausstattung einzigartig sei und somit in besonderem Maße dem Wunsch der UNESCO-Kommission nach Füllung der „inhaltlichen Lücken“, "filling gap", im Weltkulturerbe gerecht werden könnte. Überdies seien nun die Chancen für unser Bundesland noch erfolgversprechender, eine weitere Listung auf der Welterbeliste zu erreichen.

 

Im Vorfeld hatten die Doberaner Arbeitsgruppe und deren Fachberater aussagefähige Antragsunterlagen erarbeitet. Es galt den Landtag vom Bad Doberaner Vorhaben zu überzeugen. Als Fachautoren wurden zwei namhafte Experten, Prof. Dr. Gerhard Weilandt (UNI Greifswald) und Dr. Markus Hörsch (Bamberg / Leipzig), gewonnen.

 

Entscheidend in der Bewerbung ist die Begründung des außergewöhnlichen universellen Wertes des zu beantragten Gutes (Beschreibung, Begründung und Kriterien finden Sie im vorhergehenden Artikel auf dieser Seite). Die formalen Bewerbungsunterlagen und das 45seitige Heft mit einer ausführlichen Begründung zeigen die herausragende Bedeutung der Doberaner Ausstattung im internationalen Vergleich.

 

Über eine sehr positive Wertung der Antragunterlagen hinaus wurde von den Vertretern der Fraktionen in der Landtagssitzung insbesondere auf den starken Bürgerwillen der Bad Doberaner für das Vorhaben hingewiesen. Dort wurde die Unterschriftenaktion, die mehrere tausend Stimmen zusammen brachte, durchaus registriert.

 

Die Mitglieder der Arbeitsgruppe danken allen, die zu der positiven Entwicklung beigetragen haben, sowie der Landespolitik, die sich umfassend mit den Antragsunterlagen und der einzigartigen Stellung der Doberaner Innenausstattung beschäftigte.

 

Martin Heider (Münsterverwaltung)

 

 

Begründung des außergewöhnlichen universellen Wertes der Ausstattung

Kreuzaltar (um 1360/70)
Abendmalstafel (um 1300)
Abraham und Isaak (um 1360/70)
Verkündigung an Maria (um 1300)
Kelchschrank (um 1310)
Marienleuchter (um 1400)
Kelchschrank - Abel
Kelchschrank - Hesekiel
Sakramentsturm - Maria und Johannes Ev.
Gestühl der Konversen
Christusseite Kreuzaltar (um 1360/70)
Deckengewölbe (um 1300)

 

Mai 2012: Die Unterlagen sind durch die Fachautoren und die Doberaner Arbeitsgruppe zusammengestellt. Dazu gehört eine Beschreibung des zu beantragten Gutes, die Begründung des außergewöhnlichen universellen Wertes, die Benennung der von der UNESCO geforderten Kriterien, die erfüllt werden, und eine vergleichende Analyse. Aus diesen Unterlagen werden hier wichtige Bestandteile vorgestellt:

 

Fachautor Prof. Dr. Gerhard Weilandt, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald:

 

Beschreibung des zu beantragten Gutes

Die Klosterkirche von Doberan hat ihre hochgotische Ausstattung des 13./14. Jahrhunderts in singulärer Weise bewahrt. Der Mönchschor verfügt mit Hochaltarretabel, Sakramentsturm, Chorgestühl und Levitenstuhl, Kelch- und Kredenzschrank bis heute über seine wichtigsten Funktionselemente, ebenso der Konversenchor mit doppelseitigem Kreuzaltar, Triumphkreuz und Chorgestühl der Konversen. Zahlreiche Nebenretabel sind ebenso erhalten wie das Zifferblatt der mittelalterlichen astronomischen Uhr und ein aufwändig geschnitzter Marienleuchter. Die neben den liturgischen Anforderungen zweite zentrale Funktion einer Kirche als Begräbnisstätte ranghoher Persönlichkeiten ist durch das Grabmal der Königin Margarete von Dänemark und zahlreiche weitere Dynastengrabmäler dokumentiert. Sie belegen die dauerhafte Bedeutung und nachhaltige Wertschätzung des Ortes.

 

 

Begründung des aussergewöhnlichen universellen Wertes

Doberan bietet als einzige hochmittelalterliche Klosterkirche Europas die Möglichkeit, eine komplexe Kirchenausstattung in ihrer Gesamtheit zu erfahren, eingefügt in eine Architektur von kathedralem Anspruch, ausgeführt auf höchstem künstlerischen Niveau und mit sehr origineller Ikonographie. Teilweise handelt es sich um die ältesten bekannten Funktionselemente überhaupt, teilweise um einmalige Lösungen. Doberan ist das am besten erhaltene und damit zentrale Denkmal der kulturellen Erschließung des Ostseeraums im Mittelalter, gleichsam ein Schnittpunkt zwischen dem westlichen und östlichen Europa. In ihr verbindet sich in singulärer Weise die religiös-monastische Kultur der Reformorden mit fürstlicher Repräsentation im hochmittelalterlichen Europa.

 

 

 

 

Kriterien für das Welterbe der UNESCO, die erfüllt werden

Kriterium I:

Ein Meisterwerk der menschlichen Schöpfungskraft darstellen

Einige herausragende Stücke der Doberaner Münsterausstattung gehören zu den frühesten bekannten Exemplaren von Funktionselementen, die später zum Bestandteil jeder anspruchsvollen Kirche wurden, so das Flügelretabel des Hochaltars und der Sakramentsturm. Andere Teile wie der Kelch- und der Kredenzschrank sind Elemente, die es sicher häufiger gegeben hat, die aber nur in ganz seltenen Ausnahmefällen erhalten blieben – für den Kredenzschrank existiert überhaupt keine Parallele. Der mit dem monumentalen Triumphkreuz verbundene doppelseitige Kreuzaltar ist unter den erhaltenen Denkmälern völlig einzigartig und war es nach unserer Kenntnis auch schon in seiner Entstehungszeit. Die künstlerische Qualität und die komplexe theologische Bildwelt aller Ausstattungsstücke stehen auf dem höchsten zeitgenössischen Niveau. Die Ausstattung von Doberan dokumentiert in diesen innovativen, teils singulären Einzelelementen bedeutende schöpferische Kraft.

 

Kriterium II: Für einen Zeitraum oder in einem Kulturgebiet der Erde einen bedeutenden Schnittpunkt menschlicher Werte in Bezug auf die Entwicklung der Architektur oder Technik, der Grossplastik, des Städtebaus oder der Landschaftsgestaltung aufzeigen

Die in Doberan überlieferte, künstlerisch hochbedeutende Ausstattung mit Skulpturen und Malereien des 13. und 14. Jahrhunderts stellt das am besten erhaltene Monument der kulturellen Erschließung des Ostseeraums im Mittelalter dar. Die Zugehörigkeit Doberans zur Sphäre des Reformordens der Zisterzienser bestimmte seine Vermittlerrolle an der Schnittstelle zwischen den alten Zivilisationszentren im Westen Europas und neu entstehenden Zentren im Osten (z.B. Pelplin/Polen, eine Tochtergründung Doberans). Die Reformorden prägten die Kultur des Ostseeraums maßgeblich und nachhaltig durch einen Kulturtransfer transnationalen Ausmaßes, den die Ausstattung von Doberan in einzigartiger Weise dokumentiert.

 

Kriterium III: Ein einzigartiges Zeugnis von einer kulturellen Tradition oder einer bestehenden oder untergegangenen Kultur darstellen

In der Ausstattung bedeutender Kirchenbauten kulminiert die künstlerische Leistung des europäischen Hochmittelalters. Dabei ist die Architektur ohne ihre zeitgenössische Ausstattung nur unzureichend zu verstehen. Diese ist nicht bloßer Schmuck, sondern existentiell, da erst die Ausstattung die Funktionsfähigkeit einer Kirche gewährleistet. Alle Bildelemente einer Kirchenausstattung spielten in ihrem räumlichen Kontext funktional und ästhetisch zusammen, bildeten einen gewachsenen Kosmos, ein Ensemble, dessen Einzelzeile untrennbar mit einander verwoben waren. Die meisten mittelalterlichen Klosterkirchen existieren heute nur noch als architektonische Hülle, von der originalen Ausstattung sind lediglich einzelne Elemente wie Skulpturen, Grabmäler, Glas-, Wand- oder Tafelmalereien oder auch eine Raumfassung erhalten, kaum je aber Beispiele aller dieser Medien konzentriert an einem Ort.

In Doberan jedoch ist das originale komplexe Beziehungsgeflecht der reich dekorierten Funktionsräume in einzigartiger Weise und unmittelbar anschaulich erlebbar. Ohne Vergleich ist auch der durchgehende thematische Schwerpunkt der Bildthemen auf der Sakramentsfrömmigkeit mit der Verehrung des Leibes Christi, dem zentralen christlichen Heilserlebnis. Die Ausstattung entstand in der Blütezeit des Zisterzienserordens, der mit mehr als 700 Niederlassungen in ganz Europa vertreten war und zu den wichtigsten abendländischen Kulturträgern gehörte. Doch nicht nur im Zisterzienserorden ist die Ausstattung Doberans singulär, sondern auch in den übrigen geistlichen Orden. Es ist in Europa kein weiterer Denkmalkomplex der Hochgotik bekannt, der in ähnlicher Vollständigkeit und Qualität die kulturelle Tradition eines solchen Ordens dokumentiert. In ihrer Geschlossenheit ist die Ausstattung Doberans weit mehr als nur die Summe ihrer schon für sich genommen hochbedeutenden Einzelteile.

Gutachter: Prof. Dr. Gerhard Weilandt (Greifswald)

 

 

 

 

Aus den ausführlichen Bewerbungsunterlagen

Fenster - Maria mit Christuskind (um 1300)
Fenster - Fürstin Anastasia (um 1300)
Glocke aus dem Jahr 1301
Triforium - "Belegstrecke" verschiedener Farbfassungen
Dachstuhl - hauptsächlich um 1290
Grabplatten der Äbte (13.-15. Jh.)

 

Mai 2012: Einer der beiden Fachautoren in der Doberaner Arbeitsgruppe, Dr. Markus Hörsch (Bamberg / Leipzig), schreibt in der ausführlichen 45seitigen Anlage zur Begründung einleitend u.a.:

 

Die hochgotische Ausstattung des Doberaner Münsters bezieht ihre Qualität als Weltkulturerbe der Menschheit aus ihrer weitgehenden Erhaltung am originalen Standort. Glaubenswelt und Funktionsweisen einer hochmittelalterliche Klosterkirche lassen sich hier in einzigartiger Weise an Objekten ablesen, die in der höchsten zur Entstehungszeit erreichbaren Qualität geschaffen wurden.

 

Dem Antrag zugrunde gelegt wurden die Ausstattungsstücke von besonders herausragender Qualität und Bedeutung. Es ist aber nicht zu vergessen, dass sie zu einem noch wesentlich umfangreicheren Denkmal-Ensemble gehören. Erhalten sind u. a. die 1301 im Dachreiter über der Vierung aufgehängte Glocke, die für das Leben eines Konvents unabdingbar war, des Weiteren große Teile der farbigen Raumfassung und der ursprünglichen künstlerischen Fensterverglasung mit Darstellungen von Heiligen und einer Stifterin. Zahlreiche Grabmäler, Skulpturen und fragmentierte Altarretabel zeugen von der überreichen Memorialkultur, auf die hin die Abteikirche von Anfang an angelegt war.

 

In diesem Ausmaß und vor allem mit so frühen und qualitätvollen Stücken ist eine solche Ausstattung in keiner anderen Abteikirche des männlichen Zweiges des Zisterzienserordens erhalten – und dieser war einer der erfolgreichsten und am weitesten verbreiteten Orden des ganzen Mittelalters.

 

Der Autor hat 400 Männerabteien auf ihre bildliche Ausstattung hin untersucht. Unter diesen finden sich nur ganz wenige mit ähnlich bedeutenden Ausstattungen, die aber alle nicht so repräsentativ und v. a. zumeist später zu datieren sind, so Altenberg bei Köln (Grabmäler, Glasmalerei), Eberbach im Rheingau (v. a. Grabmäler), Maulbronn (wegen seiner Klosteranlage bereits UNESCO-Weltkulturerbe, hinsichtlich der Ausstattung aber nicht so gut wie Doberan erhalten) oder Heilsbronn in Franken (mit einer umfangreichen, aber deutlich später zu datierenden Ausstattung).

 

Im Mutterland des Zisterzienserordens, Frankreich, ist überhaupt keine vergleichbare Anlage erhalten, zu nennen sind allenfalls spärliche Ausstattungsreste in der Kirche von Fontenay. Von den im Ostseeraum erhaltenen Klosterkirchen mit Resten der Ausstattung (Løgumkloster und Sorø in Dänemark, Pelplin in Polen) sind jeweils einzelne bemerkenswerte Stücke zu erwähnen, die z.T. ins Museum abwanderten (vgl. v. a. die Stücke aus Løgumkloster im Kopenhagener Nationalmuseum), doch keine Sachgesamtheit, wie sie Doberan aufzuweisen hat.

 

Die besondere Pracht dieser Stücke, v. a. des Kreuzaltars (Abb. Marienseite), belegt die königlichen Ambitionen des Hauses Mecklenburg, das in dieser Zeit nach den skandinavischen Thronen strebte. Dies fügte sich zudem in die weit gespannten Interessen Kaiser Karls IV. aus dem Hause Luxemburg (reg. 1347/48–78), mit dem die Mecklenburger eng verbunden waren. Diese politische Lage spiegelt sich im Stil der zweiten Ausstattungsphase, der deutlich an den Zentren damaliger kaiserlicher Macht, Prag und besonders Nürnberg, orientiert ist.