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20.07.2017

Vortrag "500 Jahre Reformation"

Vortrag und Führung über das Münster in der Reformationszeit. Do 20. Juli 16 Uhr

"Das Doberaner Münster im Jahrhundert der lutherischen Reformation" ist der Titel einer neuen Vortrags- und Sonderführungsreihe, die anlässlich des Reformationsgedenkens angeboten wird. Die dritte Folge findet am Donnerstag, dem 20. Juli 2017 um 16 Uhr im Doberaner Münster statt.

Eigens zum Reformationsjubiläumsjahr wurden durch die Münsterverwaltung Literatur, Urkunden und Akten gesichtet und aus bekannter und weniger bekannter Überlieferung ein neue Vortrags- und Sonderführungsreihe erarbeitet. Bis in den Herbst stellt Münsterkustos Martin Heider verschiedene Zeiteinheiten und Themen des 16. Jahrhunderts vor. Jede Veranstaltung hat einen eigenen thematischen Schwerpunkt.


Die Folge zwei am 15. Juni (Foto 2 – eine große interessierte Zuhörerschaft zum Vortrag im Münster – Foto Gerhard Schmager) behandelte die Zeit ab dem Jahr 1500, zunächst die Auseinandersetzung zwischen dem Vaterabt aus dem Mutterkloster Amelungsborn (Foto 1 – Blick vom Dachreiter der Kirche zum Torhaus) und den mecklenburgischen Herzögen um das Visitationsrecht und Reformen im Kloster Doberan.

Das Visitations- und Reformverfahren für Doberan blieb nicht auf das mecklenburgische Territorium begrenzt. Es wurden Äbte von mitunter weit entfernten Zisterzienserklöstern als Visitatoren und Reformatoren in Erwägung gezogen, nicht nur jener aus dem Mutterkloster Amelungsborn im Weserbergland, sondern auch die Äbte aus Walkenried (Südharz), dem Großmutterkloster Altenkampen am unteren Niederrhein, sowie Marienfeld bei Gütersloh und gar Aduard bei Groningen.

Mehr dazu im unten stehenden Artikel.

In der nächsten Folge am 20. Juli werden die weiteren Jahre am Vorabend der Reformation und der Zeit ab 1517 behandelt. Die Veranstaltung beginnt mit einer thematischen Einführung in Form einer Bild-Text-Präsentation, es folgt ein Rundgang zu ausgewählten Ausstattungsstücken.

Herzlich willkommen! Der Eintritt ist frei. Spenden werden erbeten. Weitere Informationen unter www.muenster-doberan.de

Martin Heider

 

Die Klöster zur richtigen Ordnung bringen

Im jüngsten Vortrag ging es um die Zeit um das Jahr 1500, vor allem die Forderung der mecklenburgischen Herzöge nach Reformen im Kloster. Hier einige Auszüge aus dem Vortrag:

Im späten 15. Jh. nahmen die kritischen Töne zum inneren Zustand der Klöster in Mecklenburg zu. Im Jahre 1485 gab Herzog Magnus II. (Foto 3 – Fenster im Nordseitenschiff – um 1500) den Befehl, alle Mönchs- und Nonnenklöster des Landes zu visitieren und, wo nötig, zu reformieren.
Diese Reformen stehen im Zusammenhang mit dem Machtausbau der Fürsten und der Schaffung eines landesherrlichen Kirchenregiments. Solches begann sich in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu entwickeln, noch vor der Regierungszeit Herzog Magnus´ II., unter dessen Vater Herzog Heinrich IV. (†1477).

Auf die Notwendigkeit von Visitationen und einer Reformation wies im Jahr 1477 der Kartäusermönch Vicke Dessin, hin. Es sei eine Pflicht der Landesherren, eine Reformation der Klöster durchzuführen, "denn diese (also die Klöster) ließen sich dünken, sie lebten in der Wahrheit, und seien doch in großer Fährlichkeit."

Albert Krantz mahnt in der im Jahr 1504 für Magnus II. gehaltenen Leichenpredigt: "(…) mit allem fleiß darnach getrachtet / damit die Klöster / so von ihrer Disciplinzucht vergangener Jahr verrückt unnd abgewichen / zu richtiger Ordnung müchten gebracht werden, (...)"

Diese reformatorischen Anstrengungen der Landesherren sind noch nicht im Kontext der lutherischen Reformation zu sehen, zeigen aber deutlich den Reformbedarf in der Kirche. Diese Reformbemühungen zielten weder darauf ab, an den Grundfesten der Kirche zu rütteln, noch waren sie Zeichen eines stark verbreiteten Antiklerikalismus. Das Versagen der kirchlichen Institutionen, sich selbst zu reformieren und zu erneuern, führte letztendlich dazu, dass die Landesherren die Dinge selbst in die Hand nahmen. Dies korrespondierte wiederum mit deren Streben nach Ausbau ihrer Macht.



Missstände im Kloster Doberan

Die Landesherren müssen an der Wende zum 16. Jahrhundert zahlreiche Missstände im Kloster Doberan festgestellt haben.

Denn die beiden Herzöge Magnus II und Balthasar wanden sich im Jahr 1500 an das Generalkapitel des Ordens in Citeaux (Burgund) mit der Bitte um die Reformation der Doberaner Abtei.
Die Ordensleitung ermächtigte zunächst die Äbte von Amelungsborn (Foto 4 – Klosterkirche) und Walkenried, diese Reformen durchzuführen. Im Jahr 1501 schreiben die Äbte dieser Klöster gemeinsam an die Herzöge. Ihnen wurde auf dem letzten gehaltenen Generalkapitel "beuehll gethann, solch Closter zoubesuchenn unnd zou visteernn", also zu besuchen und zu visitieren. Auch der Abt von Doberans Großmutterkloster Altenkampen am unteren Niederrhein war in den Prozess involviert, offenbar in der ordensinternen Weitervermittlung der Angelegenheit.

Im Jahr 1502 wird der Amelungsborner Abt Gebhard Maske (1498-1514) in einem Schreiben an die Herzöge Magnus und Balthasar von Mecklenburg heftigst gegen das Visitations- und Reformanliegen dieser protestieren. Der Abt stellt darin schnell klar, dass niemand andere als die Äbte dazu bestimmt seien, die Reformen durchzuführen. Er sei innerhalb fünf Jahren viermal mit großen Anstrengungen nach Doberan gereist, um alles mit seinen eigenen Augen zu sehen und hoffte, dabei keine Versäumnisse schuldig geblieben zu sein.

Der Abt verwies darauf, dass er selbst und die Herren und Brüder in den Reformen nach der Weise der Freiheiten des Ordens lebten, die so von den Oberen des Ordens befohlen sind und damit darüber niemand zu richten hätte. Er hoffte, dass sich alles im Guten mit seinem erblichen Stift Doberan fortsetzen ließe, "sunder vns vnse erfflige stiffte dobberan in alleme gudem vortsetten, (…)"




Missstände und Reformen im Zisterzienserorden

Für das Kloster Doberan sind die um das Jahr 1500 beklagten Missstände nicht im Einzelnen überliefert.

Im Vortrag wurden Beispiele aus anderen Klöstern benannt, um sich ein Bild von Ordensübertretungen machen zu können. Diese Missstände auf alle kirchlichen Institutionen und Personen zu verallgemeinern, wäre problematisch. Dies könnte zu der Einschätzung führen, der mittelalterliche Klerus wäre grundsätzlich sittlich verkommen und pflichtvergessen gewesen. In den Klöstern, in denen weitestgehend regeltreu gelebt wurde, wurde dies im Klosteralltag nicht gesondert schriftlich festgehalten und damit der Nachwelt vermittelt.

Durch die Rückbesinnung auf die Einheit des Ordens und auf die Reinheit der Regel versuchte man, den Missständen entgegen zu wirken. Um die Einheit zu verbessern, sollte in allen Klöstern Gottesdienst und Liturgie nach dem Vorbild von Citeaux gehalten werden, heißt es in den Statuten.
Um die Reinheit der Regel zu erlangen, sei zur alten Form zurückzukehren: "Es gilt nicht, in dem in geistigen und weltlichen Dingen ruinierten Orden irgendwelche neuen Erfindungen einzuführen, sondern ihn zurückzuführen zum Leben, zu den Zeremonien und zu den Einrichtungen der heiligen Väter, zum einstigen Ruhm der Heiligkeit und zur Reinheit der Regel des hl. Benedikt" (Statut 1494, 38).



Regelung der Visitation für Doberan durch Rom

Die Angelegenheit wurde im Jahr 1504, vier Jahre nach der ersten uns bekannten Erwähnung, durch eine Anordnung Roms zumindest formell geregelt.

Die Herzöge, die sich letztendlich direkt an Rom wandten, erhielten am 9. Dezember 1504 durch den Kardinallegat Raimund Peraudi die Bewilligung von Papst Julius II. (1503-1513), die Reformation des Doberaner Klosters ausführen zu lassen, und zwar durch die Äbte von Aduard bei Groningen in den nördlichen Niederlanden und Marienfeld bei Gütersloh.
Die Reformation Doberans blieb im Ergebnis ordensintern geregelt. Sie wurde nicht, wie von den Herzögen erhofft, ihnen selbst zugesprochen, aber auch nicht dem eigentlich zuständigen Mutterkloster.

Ob die Äbte von Marienfelde und Aduard tatsächlich je in Doberan (Foto 5 – Klostermodell im Münster) visitierten und reformierten, ist höchst fraglich. Die ordensinternen Strukturen haben um das Jahr 1510 kaum noch funktioniert. Dazu mehr in späteren Vorträgen.


Text und Fotos: Martin Heider (Münsterverwaltung Bad Doberan)