• Hochaltar Ältester Flügelaltar der Kunstgeschichte
30.10.2004

Besucher-Magnet Münster

Die Ostsee-Zeitung und Ostsee-Zeitung-Online berichteten am Montag, den 11. Oktober 2004 aus Bad Doberan:

"Hoch überm niedern Erdenleben soll sie im blauen Himmelszelt, die Nachbarin des Donners schweben", schrieb Friedrich Schiller in seinem "Lied von der Glocke."

Die Glocken im Bad Doberaner Münster schweben 45 Meter über der Erde. Eine bronzen, 560 Kilogramm schwer. Eine stählern, ein Gewicht von 1350 Kilo. Wenn Martin Heider wie jetzt die Klöppel anschlägt, hallen die Töne nach - besonders der zarte a-Ton der bronzenen Glocke. Zehn Sekunden klingt es. 20, 30. Donner vergeht schneller.

Martin Heider ist der Kustos des Münsters, der Verwalter also, und wenn man so will der Mann für alle Fälle. Hier oben im Glockenturm des Doberaner Wahrzeichens ist er gerade dabei, eben jenes Wahrzeichen zwei Dutzend Frauen und Männern näher zu bringen. 118 Steinstufen einer 80 Zentimeter breiten Wendeltreppe haben alle erklommen, um den Dachstuhl und das Gewölbe in Draufsicht zu betrachten. Dazu eine Leiter, um auch die Glocken zu sehen. Der Aufstieg lohnt.

"So etwas habe ich bislang nur im Kölner Dom erlebt", sagt Jürgen Reichert. Der 69-Jährige hat schon einige Gotteshäuser besucht. Aus Interesse. Jetzt, da er im Ruhestand über die Zeit verfügt, studiert er noch einmal: Geschichte. Reichert ist älter als der Leiter der Truppe, Prof. Dr. Gerhard Schildt, der die Fahrt ins Doberaner Münster als Teil einer einwöchigen Exkursion für Studenten der Technischen Universität Braunschweig organisiert hat.

"Hanse und Backsteingotik sind ein Themenschwerpunkt bei uns", sagt Schildt. Die "Perle der Backsteingotik", wie Heider das Münster bezeichnet, darf da nicht fehlen. "Unser Hochaltar ist der älteste Flügelaltar Deutschlands", sagt der Verwalter zu einem Zeitpunkt, da die Gruppe noch im Mittelschiff des Münsters sitzt. Eine Frau mit rot geränderter Brille hält sowohl Kustos als auch Flügelaltar mit einer Digitalkamera im Bild fest.

Der Name der Frau: Susanne Goronzil. Später wird sie verblüfft sein. "Es ist schon beeindruckend, wenn man sieht, was im Mittelalter geleistet wurde", sagt sie. Gebäude mit Backsteinen überdauern viele Menschenleben. "Echt erstaunlich." Martin Heider kennt diese Art Verwunderung. Er, die zwei Küster, die zehn Honorarkräfte und die jungen Leute der Münsterführungsgruppe leiten weit mehr als 400 Sonder- und über 1000 reguläre Führungen im Jahr. Und es werden immer mehr. "Wir haben vor, im nächsten Jahr von Mai bis Oktober stündlich von 10 bis 16 Uhr eine Führung anzubieten", sagt Heider. Momentan gibt es täglich zwei reguläre und mehrfach wöchentlich Sonderführungen. Das Münster: ein Menschen-Magnet.

147 000 Besucher schauten es sich von Januar bis heute an. Mehr als in den zwölf Monaten 2002, fast so viele wie im Vergleichszeitraum des darauf folgenden IGA-Jahrs. Die Uni-Truppe aus Braunschweig sind 25 der Gäste. Knapp 90 Minuten lassen sie sich beeindrucken. Dann geht es weiter-nach Wismar. In die Weltkulturerbestadt. "Auch wir wollen mit Münster und Klosteranlage eines Tages Weltkulturerbe sein", sagt Martin Heider. "Bis wir dran sind, wird es wohl aber noch eine ganze Weile dauern."