Der Mühlenaltar

Der Mühlenaltar (um 1420)
Mitteltafel mit Hostienmühle

Der „Mühlen-Altar“ (um 1410/20) entstand als eine der ersten Darstellungen dieser Art, vermutlich gestiftet von Albrecht III. von Mecklenburg und seiner zweiten Frau Agnes. 

Die Mitteltafel zeigt sehr bildhaft die Wandlung vom Wort zum Fleisch bzw. die Eucharistie. Die vier Evangelisten schütten das Wort Gottes in den Mühlentrichter, die Mühle in Kreuzform symbolisiert Christus und zeigt den Ort der Wandlung, die zwölf Apostel treiben die Mühle an, die vier Kirchenväter fangen die gewandelte Speise im Kelch auf und reichen sie den Gläubigen. 

Auf den Seitenflügeln sind Szenen aus dem Leben des hl. Martin dargestellt. 

 

Ausführlichere Beschreibung

Der Mühlenaltar im südlichen Bereich des Kapellenkranzes entstand um das Jahr 1410 als eine der ersten Darstellungen dieser Art. Gestiftet durch Albrecht III., Herzog von Mecklenburg und König zu Schweden und seiner zweiten Frau Agnes, stand er ursprünglich an der Ostwand des südlichen Querschiffs. Auffällig ist die Häufigkeit der Mühlenaltäre im Umkreis vom Kloster Doberan. Bisher sind in der Kunstgeschichte wohl nur 24 Darstellungen bekannt, davon neun Altäre. Vier Mühlenaltäre befinden sich in Mecklenburg-Vorpommem. Neben dem Doberaner Altar befindet sich Mühlenbilder in der Rostocker Universitätskirche, der Dorfkirche Retschow bei Bad Doberan und ein wunderschönes geschnitztes Werk in Tribsees.

Die Darstellungen sind bereits deutlich bildhafter als die des Doberaner Hochaltars aus der Zeit um 1300 und des Kreuzaltares von 1360. Die im 15. Jahrhundert aufstrebenden Predigerorden legten mehr Wert auf die deutliche Sprache der Verkündigung, die sich auch auf die bildende Kunst niederschlug. Diese Veränderung beeinflusste wohl auch die Zisterziensermönche in Doberan.
Die Mitteltafel des Doberaner Altares zeigt das Mühlenbild. Schwierige theologische Sachverhalte sollten den Laien verständlich vermittelt werden. Da sicher jeder Mensch im Mittelalter das Grundprinzip einer Mühle kannte, erklärte man ihnen die Wandlung des Wort Gottes zur Eucharistie- oder Abendmahlsspeise anhand dieses Prinzips.

Die Hauptkomponenten des Geschehens ergeben ein Kreuz. Der Kreuzesstamm wird durch die vier Evangelisten mit ihren Symbolköpfen oben und die vier Kirchenväter unten, die Kreuzarme durch die zwölf Aposteln zu beiden Seiten gebildet. Die Darstellung ist dreigeteilt: die Mühle und die Apostel bilden die Ebene der Vermittlung zwischen himmlischer und irdischer Sphäre. Die Mühle versinnbildlicht den Körper Christi, der die Wandlung hervorbringt, aber auch die Kirche als Verwalter des Wortes und des Gnadenbrotes.
Die Bewegung der Mühle stellt den irdischen Lebensweg Christi dar, die Apostel sind ihm dabei am nächsten, sie lebten und arbeiteten mit ihm. Der untere Mahlstein ist Sinnbild für das Alte, der obere für das Neue Testament der Bibel, mit dessen Hilfe die Botschaft des Alten Testaments gereinigt wird.
Die Evangelisten übermitteln die Botschaft vom menschgewordenen Wort in Form von Spruchbändern.

Die Apostel treiben die Mühle, sie reinigen und verbreiten das Wort und bereiten daraus die heilbringende Seelenspeise für die Menschen zu deren Erneuerung und Erlösung. Sprüche von Eigenschaften, Fähigkeiten und Wirkung des Wortes unterstützen diese Aussage.

Vom Mühlentrichter läuft ein Spruchband durch die Mühle in den Kelch der vier Kirchenväter: ,,Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit", so, wie es im Evangelium des Johannes im Kapitel 1 Vers 14 steht.

Die Kirchenväter empfangen das Gnadenbrot, verwalten es und teilen es den Gläubigen zu. Das Volk wird beidseitig von je einem Mönch angeführt. Der Mönch links hält ein Spruchband mit den Worten: ,,Das Werk unserer Wiederherstellung geschieht in der Fleischwerdung Gottes".
Dass in der irdischen Ebene Papst, Kaiser und Prädikanten fehlen, kann möglicherweise darauf zurückgeführt werden, dass sich der Doberaner Orden von Ständevertretern unabhängig sehen wollte.

Rechts oben in der himmlischen Sphäre ist die apokalyptische Madonna dargestellt. Links oben macht die tiburtinische Weissagerin Sybille mit eindringlicher Geste Kaiser Augustus auf das Ereignis der Geburt Christi aufmerksam.

Gottvater ist nicht dargestellt, aber durch den Regenbogen symbolisch vertreten. Die beiden Außenflügel zeigen Szenen aus dem Leben des heiligen Martin. Die um 1490 entstandene Predella unter dem Altar gehört nicht zum Mühlenaltar.

Martin Heider