Exkurs: Das Barackenlager der Heinkel-Flugzeugwerke in Althof
Das Barackenlager der Ernst Heinkel Flugzeugwerke in Althof war ein seit 1942 errichteter großer Ausweich- und Wohnstandort der Rostocker Heinkel-Werke auf etwa 5 Hektar Domänenfläche nördlich des Bahnhofs Althof.
Seit 1942 ließ Heinkel auf dem beschlagnahmten Domänengelände genormte Reichsarbeitsdienst- und RLM-Baracken errichten, um nach den Luftangriffen auf Rostock vor allem Personal und Produktion auszulagern. Die Anlagen umfassten zahlreiche Wohnbaracken für „Gefolgschaftsmitglieder“ bzw. Arbeitsdienstmänner, Wirtschafts‑, Lager‑, Küchen‑, Wasch- und Krankenbaracken, Abortanlagen, Feuerlöschteich und Luftschutzbauten wie Splittergräben; die Küchenbaracke wurde wegen Holzmangels sogar massiv gebaut.
Im Lager waren neben Konstrukteuren, Meistern und Facharbeitern vor allem Fremd- und Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangene verschiedener Nationalitäten untergebracht, darunter Niederländer, Polen und weitere ausländische Arbeitskräfte. Zeitzeugen betonen, dass hunderte Kriegsgefangene für Heinkel arbeiteten und auch in Althof einquartiert waren und dort Flugzeugteile, insbesondere Tragflächen, gefertigt und per Waggon abtransportiert wurden.
Das Lager war in die örtliche Verteidigungs- und Kriegsinfrastruktur eingebunden, etwa durch Splittergräben als Luftschutz und den engen Bezug zum Reichsarbeitsdienst in Bad Doberan. In den letzten Kriegstagen kam es laut Zeitzeugen zu bewaffneten Vorbereitungen im Umfeld des Reichsarbeitsdienstes, während Heinkel kurz vor dem 1. Mai 1945 den Befehl gab, sämtliche Konstruktionsunterlagen auszubrennen; dazu wurde der große Feuerlöschteich ausgepumpt und die Akten im Garten des Barackenlagers vernichtet.
Vom 15. April bis 22. Mai 1945 dienten die Baracken als Notunterkunft für Geflüchtete und Vertriebene, insbesondere aus Kühlungsborn, dessen Hotels zu Lazaretten umgewandelt worden waren. Vom 22. Mai bis 31. Juli 1945 belegten mehrere sowjetische Einheiten das Lager militärisch, bevor ab 1. August 1945 ein Teil der Baracken (1–6 und 11) als Getreidelager verpachtet, andere bis April 1946 weiter durch sowjetische Stellen genutzt und das Areal bis mindestens 1948 teilweise noch zur Flüchtlingsunterbringung verwendet wurde.
Das Vermögen der Heinkel-Werke einschließlich des Althof-Lagers ging unmittelbar nach dem Einmarsch der Roten Armee zunächst in treuhänderische Verwaltung der Stadt Bad Doberan über, die die Kosten für Wachdienst, Reparaturen und Bestandserhaltung trug, bis später die sowjetische Militäradministration in Berlin-Karlshorst die Kontrolle übernahm. In den Nachkriegsjahren galten Adressen wie „Althof Baraki“ in russischen Einwohnerlisten als sozial stigmatisierend; dort lebende Flüchtlingskinder berichteten später von Diskriminierung, während zahlreiche als „Flüchtlinge“ vermerkte Gewerbeanmeldungen (etwa Schneiderinnen) mit dieser Lageradresse belegt sind.1
1 Diese Angaben basieren auf den Aktenrecherchen des Autors für das Althof Buch „Die Geschichte von Althof. Von der Gründung des Klosters Doberan bis in die Gegenwart“ (2021) und für dieses Buch sowie Hinweisen von Herrn Karl Krüger aus dem Zeitzeugenge-spräch am 03.07.2025.
Folgende Angaben stammen von Herr Karl Krüger (Bad Doberan).
Er schilderte als Zeitzeuge im Zeitzeugengespräch vom 03.07.2025, dass das Heinkel-Barackenlager in Althof zum Kriegsende als Ausweichstandort für die Heinkel-Flugzeugwerke diente, nach den Bombardierungen von Rostock. Laut Akten wurde es zunächst vorrangig zur Unterbringung der Mitarbeiter errichtet. Dort waren aber auch deutsche Konstrukteure und Facharbeiter, sowie vor allem viele Fremd- und Zwangsarbeiter beschäftigt – unter anderem aus Holland und Polen sowie Kriegsgefangene verschiedener Nationen. Noch Wochen nach Kriegsende blieben diese Arbeitskräfte im Lager, ehe sie nach und nach in ihre Herkunftsländer zurückkehren durften.
Krüger berichtet, dass sein Vater sich bei einem Kommandeur des Reichsarbeitsdienstes dafür einsetzte, dass junge Männer vor der Front nach Hause gehen konnten. Es waren militärische
Abwehrmaßnahmen eingerichtet; Splittergräben für den Luftschutz angelegt. Beim Einmarsch der sowjetischen Truppen versteckten sich Teile seiner Familie und andere Zivilisten aus Angst, wurden jedoch nicht verletzt, nachdem die Soldaten zusicherten, dass ihnen nichts geschehen würde. Aller-dings kam es vor, dass Zwangsarbeiter die Verstecke der Deutschen verrieten.
Kurz vor dem Ende des Krieges erhielt Krügers Vater den Befehl, sämtliche Konstruktionsunterlagen der Heinkelwerke zu verbrennen. Dies wurde akribisch durchgeführt, um Beweise zu vernichten. Krüger reflektiert schließlich kritisch die Rolle von Ernst Heinkel, den er als Kriegsverbrecher einstuft, da dieser durch materielle Vorteile Arbeitskräfte auch zur Mitgliedschaft in der NSDAP zwang und damit systematisch zum Funktionieren des Regimes beitrug. Herr Krüger hat Dokumente und Erinnerungen dieser Zeit dem Museum in Rostock zur Verfügung gestellt, um zur historischen Aufarbeitung beizutragen.
Auf diese Aussagen hin gab es in der Gesprächsrunde am 03.07.2025 folgende Ergänzungen:
Gerda von Hof (*1936) berichtet, dass es nach Kriegsende – vermutlich im Mai 1945 – unter Kontrolle der russischen Kommandantur zu einer Volkszählung kam. Dabei mussten alle Einwohner von Bad Doberan, einschließlich der zahlreichen Flüchtlinge, nach und nach bei der Kommandantur vorsprechen. Es wurden Listen erstellt, in denen Angaben wie Wohnort, Adresse, Geburtsdatum, Beruf, zur Mitgliedschaft in einer NS-Organisation aufgenommen wurden. Diese wichtigen Unterlagen sind im Stadtarchiv erhalten und sind ihrer Meinung nach dringend auswertenswert. Von Hof hebt außerdem hervor, dass im Barackenlager viele Flüchtlinge untergebracht wurden. Sie schildert einen Fall, in dem sich eine Frau, die als Kind in den Althof-Baracken lebte und später Lehrerin wurde, wegen ihrer Herkunft als Flüchtling diskriminiert fühlte. Die in den russischen Listen meist mit „Althof Baraki“ bezeichnete Adresse galt als sozial stigmatisierend und war kein „guter“ Wohnort.
Martin Heider führt aus, dass ihm bei der Recherche in den Akten des Stadtarchivs Bad Doberan betreffs Gewerbeanmeldungen viele Flüchtlingsnamen begegnet sind. Das waren insbesondere Frauen – deren Männer häufig noch im Krieg waren – die versuchten, sich einen Lebensunterhalt zu sichern und kleine Gewerbe anmeldeten, etwa als Schneiderin. In den Unterlagen ist oft vermerkt, wenn es sich um Flüchtlinge handelt. Dabei tauchen häufig als Adresse das Barackenlager Althof oder der Stülower Weg auf.
Martin Dostal ergänzt, dass die in russischer Sprache geführte Einwohnerliste, in der auch alle Flüchtlingsnamen verzeichnet wurden, später ins Deutsche übersetzt wurde. Er berichtet zudem aus eigener Familiengeschichte: Seine Großmutter väterlicherseits kam aus dem Sudetenland zunächst nach Graal Müritz und wurde dann ins Barackenlager Althof gebracht. Es existieren sogar Fotos der Familie vor einer der Baracken. Seine andere Großmutter wurde in Heiligendamm mehrfach umquartiert und lebte bis 1946/47 unter sehr einfachen Bedingungen in einem ehemaligen Lazarett – dort war die Lebenssituation über lange Zeit äußerst prekär.