• Hochaltar Ältester Flügelaltar der Kunstgeschichte

Lügumkloster, Pelplin und Doberan im Kontext zisterziensischer Baugedanken

von Prof. Dr. Matthias Untermann, Universität Heidelberg

Alle drei Kirchenbauten zeigen charakteristische Weiterentwicklungen der frühen zisterziensischen Bautypen. Dadurch heben sie sich als Bauten ihres Ordens gegenüber der übrigen, zeitgleichen Kirchenarchitektur heraus.

 

1) Der Ostbau

Der ‚bernhardinische Plan‘, ein äußerst charakteristischer Kirchengrundriss der Zisterzienser, wurde vielleicht zum ersten Mal um 1120 von Bernhard von Clairvaux für die erste große Klosterkirche in Clairvaux gewählt. Er steht für Form gewordene ‚rectitudo‘ - verdeutlicht programmatisch-zeichenhaft Geradlinigkeit und Richtigkeit als moralische Kriterien und als Kriterien zisterziensischer Regeltreue. Der rechteckige Altarraum wird dabei von Querarmkapellen auf rechteckigem Grundriss begleitet, die in vielen Regionen sonst übliche Form der runden Apsis demonstrativ vermieden.

Für zisterziensische Kirchenbauten hat er sich zunächst eher außerhalb der burgundischen Kernzone durchgesetzt, besonders in der Filiation von Clairvaux – nicht als vorbildlicher Plan, sondern durch Nachbildung einer charakteristischen und aussagekräftigen Bauform des Mutterklosters. In der Filiation von Morimond wurde er nach 1137/40 häufig gewählt, in der Filiation von La Ferté sogar fast ausschließlich. In der Filiation von Cîteaux selbst, zu der Lügumkloster gehört, wurde er erst um 1150/70 gewählt, besonders im englischen und irischen Raum.

In Lügumkloster ist der Bautyp weiterentwickelt: Die inneren Querarmkapellen sind zwei Joche lang. Es handelt sich um ein Sanktuarium mit gestaffeltem Ostabschluss, wie es in Nordwesteuropa eher in der Filiation von Morimond üblich und dort mit Apsiden verbunden war. Der Grundriss erscheint als eigenständige, lokale Weiterentwicklung des Grundtyps.

In Pelplin wurde im späten 13. Jahrhundert der Bautyp des dreischiffigen Sanktuariums mit integriertem Umgang und Kapellenkranz gewählt. Aus liturgischen Gründen hatten die Zisterzienser in der Mitte des 12. Jahrhunderts den benediktinischen Kapellenkranz am Sanktuarium übernommen, vielleicht zuerst am Neubau der Abteikirche Clairvaux ab ca. 1148. In Cîteaux wurde fast gleichzeitig der polygonale Kapellenkranz zu einem rechtwinkligen Baukörper weiterentwickelt, in dem Kapellen, Umgang und Altarraum drei Höhenstufen bilden - erhaltene Beispiele dafür gibt es im frühen 13. Jahrhundert im deutschen Raum. Das Prinzip des bernhardinischen Plans wurde damit auf den neuen, zunächst reicher erscheinenden Bautyp angewendet. Schon im späten 12. Jahrhundert kam die Formidee auf, das Sanktuarium im Äußeren dreischiffig-basilikal auszubilden, zuerst vielleicht nach 1185 in Marienfeld in Westfalen, nach 1232 dann in Hude bei Bremen. Im Innenraum waren allerdings Kapellenkranz, Umgang und Altarraum weiterhin vorhanden, weil dies liturgisch so notwendig blieb. Der Umgang nimmt östlich des Altarraums das östliche Joch des Mittelschiffs ein; die Nebenaltäre stehen an den seitlichen Außenwänden und vor der Ostwand. Eine Chorschranke kann den Hochaltarraum weiterhin dreiseitig umschließen. Diese Situation wurde in Pelplin ebenfalls gewählt und blieb dort bis heute ungewöhnlich gut und ablesbar erhalten. Die Gleichartigkeit von Langhaus und Sanktuarium, von Ostwand und Westwand wurde bewusst angestrebt. Dass Außenerscheinung und liturgische Disposition nicht übereinstimmen, erscheint überraschend. Formale, artifizielle Gleichförmigkeit galt offenbar als wichtiger als die Kongruenz mit der Nutzung.

In Doberan wurde - obwohl im Tochterkloster Pelplin kurz zuvor ein dreischiffiges Sanktuarium begonnen worden war - ein dritter zisterziensischer Bautyp aufgegriffen: Das polygonale Sanktuarium mit Umgang und polygonalen Kranzkapellen. In der formalen Gestaltung scheint hier ein regionaler Grundrisstyp gewählt worden zu sein: der Altarraum wird von fünf Seiten des Achtecks umgrenzt, die Kapellen haben einen sechseckigen Grundriss, dabei wird der Umgang in diese Sechsecke integriert. Zu den unmittelbaren Vergleichsbauten gehört der 25 Jahre ältere Lübecker Dom sowie große Pfarrkirchen der Ostseest?te. Im Hintergrund steht allerdings der aufwändige Ostbau nordfranzösischer Kirchen des späten 12. und frühen 13. Jahrhunderts ? zunächst Longpont bei Soissons, dann Royaumont und Vauclair. Hier haben die Zisterzienser unwidersprochen vielteilige Formen aktueller gotischer Architektur aufgegriffen und mit charakteristischen, eher im Innenraum als im Äußeren wirksamen Vereinfachungen abgewandelt. Auch diese Bauten sind regeltreue, angemessene Zisterzienserkirchen, auch wenn dies eher innerhalb des Ordens als in der jeweiligen Region so erkennbar war. Wenn ihre Baugestalt als überflüssig gegolten hätte, wären nicht so viele Zisterzienserkirche in dieser Form fertiggestellt worden. Die Verwendung moderner, gotischer Entwurfsprinzipien legte es nahe, forderte sogar, Bautechnik und Bauentwurf an benachbarten, modernen gotischen Kirchen zu orientieren, denen gegenüber ein ästhetischer Abstand gewahrt wurde.

Dass alle drei Kirchen ihrem Bautyp von der älteren Forschung oft nicht als charakteristische Zisterzienserkirchen angesehen wurden, war also ein Fehlurteil. Es gründete sich auf einer eingeschränkten Sichtweise auf Zisterzienserarchitektur, die nicht den tatsächlichen Bautenbestand zur Kenntnis nahm, sondern von Vorurteilen geleitet war. Heute muss man alle drei Bauten als höchst charakteristische Vertreter einer nach Ordensprinzipien, keineswegs willkürlich weiterentwickelten Zisterzienserarchitektur des späten 12. bis späten 13. Jahrhunderts ansehen. Es handelt sich um höchst wichtige Vertreter einer Bl?ezeit, aus der allzu viele andere Bauten nur noch als Ruinen oder gar nur noch in alten Plänen oder Grabungsbefunden bekannt sind.

 

2) Die Entwertung der Vierung

In Pelplin und Doberan sind die Kirchen im Äußeren kreuzförmig. Dies entspricht einer schon früh angestrebten, programmatischen Erscheinungsform der Zisterzienserkirchen. Mit der gebauten „forma crucis“ war selbstverständlich immer das Bild des Kreuzes Christi mitgedacht. Innen gibt es allerdings nicht, wie in der europäischen Kirchenarchitektur seit dem 11. Jahrhundert üblich, eine Vierung, einen klar erkennbaren Kreuzungsraum zwischen Mittelschiff, Querschiff und Altarraum. In Lügumkloster ist diese Vierung vorhanden. In Pelplin und Doberan laufen die Pfeiler des Mittelschiffs durch, und ragen lediglich höher auf. Es öffnet sich kein Blick ins Querschiff. Dies entspricht der funktionalen Gliederung der Zisterzienserkirche: von Osten nach Westen folgen Altarraum, Mönchschor und Konversenchor aufeinander. Der Mönchschor befand sich an den französischen Klöstern in alter benediktinischer Tradition im Langhaus; die in deutschen Raum üblich gewordene Anordnung in der Vierung setzte sich bei den Zisterziensern nicht durch. Schon bei den frühen Kirchen nach bernhardinischem Plan fehlt häufig eine Vierung; das Mittelschiff läuft dann architektonisch bis zum Altarraum durch.

Wie beim dreischiffigen Altarraum in Pelplin entspricht die Form des Außenbaus nicht der Raumaufteilung und Nutzung des Innenraums. Diese Divergenz gehört zu den grundlegenden Eigentümlichkeiten der mittelalterlichen Zisterzienserarchitektur und ist an Kirchenbauten anderer Bauherren kaum jemals zu finden – jedenfalls nicht im liturgisch wichtigsten Bereich von Mönchschor und Altarraum.

 

 

 

3) Verzicht auf den Konversenchor

Auffallend häufig bei Zisterzienserkirchen ist die Einstellung des Baubetriebs nach Fertigstellung des Mönchschors. Es fehlen dann, wie in Løgumkloster, größere oder kleinere Bereiche des Langhauses. Anders als die meisten anderen Orden stellten die Zisterzienser den auswärtigen Laien nicht das Langhaus zu Verfügung, sondern in der Regel den Querarm, der vom Kloster abgewandt lag – in Pelplin und Doberan also den Nordquerarm; das zugehörige Seitenschiff konnte als Zugang dienen.

Historiker können häufig zeigen, dass die Zahl der Konversen im Spätmittelalter stark abnahm, wenngleich dies nicht an allen Zisterzienserklöstern so zutraf. Beim Mönchsgestühl führten kleine Konventgrößen nicht dazu, kleine Chorstühle mit passend wenigen Stallen zu bauen.

Kunsthistoriker allein können dieses Phänomen nur konstatieren, aber nicht erklären. Der Fertigbau der Kirche und ihre Ausstattung mit einem vielsitzigen Konversengestühl, wie in Doberan, war zweifellos die korrekte Lösung. Aber der Verzicht auf den Fertigbau ist so häufig zu beobachten, dass er politisch wie im sozialen Umfeld nicht als unkorrekt gegolten haben kann. Unfertig gebliebene Kirchen sind in Mitteleuropa bei Zisterzienserklöstern signifikant häufiger zu finden als in anderen Kontexten.

 

Wesentliche, das Erscheinungsbild prägende Elemente der Baugestalt aller drei Klöster sind also höchst charakteristische, authentische Elemente einer Zisterzienserbaukunst. Im Ostseeraum sind sie gerade an diesen drei exemplarischen Backsteinbauten des Ordens ungewöhnlich gut erhalten und deutlich ablesbar.

 

 

 

 

Prof. Dr. Matthias Untermann

Universität Heidelberg, Lehrstuhl für mittelalterliche Kunstgeschichte

 

Wissenschaftlichen Schwerpunkte:

 

·         Architekturgeschichte des Mittelalters mit Schwerpunkten:

    Kirchen und Klöster

    Ausstattung, liturgische Nutzung

    Stadtarchäologie, mittelalterliche Urbanistik

 

Publikationsauswahl:

 

·         Kirchenbauten der Prämonstratenser. Untersuchungen zum Problem einer Kirchenbaukunst im 12. Jahrhundert, Diss. Köln 1984.

·         Der Zentralbau im Mittelalter. Form - Funktion - Verbreitung. Darmstadt 1989.

·         Forma Ordinis. Studien zur Baukunst der Zisterzienser im Mittelalter, München/Berlin 2001.

·         Handbuch der mittelalterlichen Architektur (mit Beiträgen von Stefanie Fuchs und Tobias Schöneweis). Darmstadt 2009.

·         Wasserbau in Mittelalter und Neuzeit (mit Andreas Diener), Paderborn 2009.

·         Religiosität in Mittelalter und Neuzeit (mit Andreas Diener und Ralph Röber), Paderborn 2011.

·         Der Dom zu Speyer. Konstruktion, Funktion und Rezeption zwischen Salierzeit und Historismus (mit Matthias Müller und Dethard von Winterfeld). Darmstadt 2013.

·         Pfälzisches Klosterlexikon, 1: A–G (mit Jürgen Keddigkeit, Hans Ammerich, Pia Heberer und Charlotte Lagemann), Kaiserlautern 2014.