• Hochaltar Ältester Flügelaltar der Kunstgeschichte

Der Beitrag des Zisterzienserklosters Doberan zur Entwicklung der Wirtschaft und zur Gestaltung der Kulturlandschaft im 12. und 13. Jahrhundert

von Prof. em. Dr. Winfried Schich

Ein wichtiges Anliegen der folgenden Ausführungen ist es, im Fall Doberan den Blick über die eigentliche Klosteranlage hinaus auf die engere Umgebung zu richten, die mangels schriftlicher Quellen häufig vernachlässigt wird.

 - Der Abodritenfürst Pribislaw stiftete 1171 in seinem Herrschaftsbereich ein Zisterzienserkloster, das von dem im Weserbergland (im südlichen Niedersachsen) gelegenen Kloster Amelungsborn besetzt wurde und 1186 in Doberan seinen endgültigen Platz fand. Er stattete es mit einer kleinen slawischen Siedlungskammer mit mehreren Dörfern und deren Bewohnern sowie mit dem angrenzenden, bis zur Küste reichenden Waldgebiet, dem größten in seinem Herrschaftsbereich, aus. Die Bewohner, die das Klosterland bestellten, befreite er von allen öffentlichen Lasten, damit sie allein Gott und dem Doberaner Kloster (soli deo et Doberanensi monasterio) dienen konnten. Heinrich Borwin I. von Mecklenburg, Pribislaws Sohn und Nachfolger, schenkte spätestens 1219 dem Kloster Amelungsborn zusätzlich sein Gut Satow (südlich von Bad Doberan) in dem zweitgrößten mecklenburgischen Waldgebiet. Das Kloster richtete hier eine Ferngrangie ein, die u.a. von Amelungsborner Mönchen und Konversen bewohnt und bewirtschaftet wurde.

 

 - Als eines der Motive der Fürsten neben anderen darf man erschließen, dass die Zisterzienser einen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes und zum Aufschwung des Marktes an der fürstlichen Hauptburg (Rostock) leisten sollten; die Fürsten trugen damit der zunehmenden Ausbreitung der Geldwirtschaft Rechnung. Bereits 1189 gewährte Fürst Pribislaw den Brüdern des Klosters Doberan sowie deren Kaufleuten und Gewerbetreibenden den zollfreien Zugang zu seinem Markt.

 

 - Die Zisterzienser kamen ihrerseits nicht primär mit dem Ziel der wirtschaftlichen Modernisierung in das Land. Sie gingen vielmehr nach der ersten Einrichtung ihres Klosters regelmäßig daran, die erworbenen Besitzungen nach ihren Vorstellungen effektiv zu nutzen, d.h. eine rational organisierte, leistungsfähige Klosterwirtschaft nach den modernsten Gesichtspunkten der Zeit aufzubauen. Die wichtigsten Ressourcen im Klostergebiet waren der Wald und der Boden, die durch Verkauf von Holz und die Produktion von Getreide, dem Hauptnahrungsmittel der Zeit, in Wert gesetzt werden konnten. Als Organisatoren einer „modernen“ agrarischen Produktion waren die Zisterzienser vorrangig auf den Ackerbau ausgerichtet; zu ihm gehörte als notwendige Ergänzung die Viehzucht.

 

 - Zur Gewinnung neuer Ackerflächen in ihrem Klostergebiet organisierten die Doberaner Zisterzienser vor allem die Rodung. Sie gingen dabei wohl in einer Art Arbeitsteilung zwischen selbständig wirtschaftenden und zu Abgaben (Getreide und Geld) verpflichteten Bauern einerseits und in Eigenregie mit Konversen und abhängigen Arbeitskräften bewirtschafteten Höfen (Grangien) andererseits vor. Am Beispiel der Amelungsborner Ferngrangie lässt sich dieses Vorgehen gut rekonstruieren (s. Messtischblatt Satow). Mehrere Hagenhufenstellen wurden jeweils zu Dörfern zusammengefasst. Bereits 1209 begegnen in der urkundlichen Überlieferung drei derartige Doberaner Rodungsdörfer (novalia), die Hagen (indagines) genannt wurden. Als Bauern wurden wohl zunächst vor allem altansässige Bewohner, zunehmend aber Zuwanderer aus dem Westen herangezogen. Als Fürst Heinrich Borwin 1218 dem Kloster Doberan seine Güter bestätigte, verlieh er ihm zusätzlich die Freiheit, Menschen jeden Volkes und jeden Gewerbes zu sich zu rufen, in ihren Besitzungen anzusiedeln und die betreffenden Gewerbe ausüben zu lassen. Für alle Bewohner des Klostergebietes übernahmen die Zisterzienser die Seelsorge und bauten eine Kirchenorganisation auf.

 

 - Die Zisterzienser sorgten in ihrem Klosterbereich für die Nutzung der Wasserenergie, zunächst für die Verarbeitung des Getreides. Die Wassermühle wurde in diesem Zeitraum in Mecklenburg aus dem Westen eingeführt; sie war die bedeutendste Innovation in der modernen hochmittelalterlichen Landwirtschaft. Die erste Wassermühle im Doberaner Klostergebiet wurde sicher bei der Klosteranlage selbst errichtet. Die Möglichkeit der Nutzung des Wassers für die Energiegewinnung, für die Anlage von Fischteichen sowie für die Ver- und Entsorgung der Klosteranlage gehörte zu den entscheidenden Voraussetzungen, von denen sich die Zisterzienser bei ihrer Entscheidung für den endgültigen Klosterstandort leiten ließen. Dies war auch bei Doberan der Fall. Am Standort des Klosters in Doberan konnten mehrere Bäche zusammengeführt und genutzt werden. Zur Getreidemühle kam später noch eine Gewerbemühle (Walkmühle) dicht außerhalb der Klostermauern hinzu.

 

 - Die Eigenwirtschaftszone Doberans dehnte sich über die umwehrte Klosteranlage aus, im Norden mit dem unmittelbar angrenzenden sog. Kammerhof mit allgemeinem Viehhof und speziellem Stutenhof, mit der genannten Walkmühle und dem Ziegelhof, im Süden vor allem am Althöfer Bach entlang. Hier befand sich der erste Standort des Klosters, die spätere Grangie Althof mit Kapelle, Wassermühle, Fischteichen und der zugehörigen Wirtschaftsfläche, die in erster Linie der Viehzucht diente. Weiter aufwärts errichteten die Zisterzienser allem Anschein nach eine Glashütte – beim heutigen Ort Hütten.

 

 - Die Glasproduktion kann bisher allerdings nur aus den Ortsnamen erschlossen werden. Glashutten wird erstmals 1268, Glashagen zusätzlich 1273 genannt. Die Glasherstellung durch Doberan wird immer wieder angezweifelt, weil es in diesem Raum sonst an einem derart frühen Hinweis auf die Produktion von Glas fehlt. Wie aber sollen die beiden Ortsnamen anders erklärt werden? Die Zucht von Pflanzen im Glashaus „zu Versuchszwecken“, wie bereits vermutet wurde, ist wesentlich weniger wahrscheinlich. Für die Annahme einer Doberaner Glasproduktion spielt auch die Tatsache eine Rolle, dass das Mutterkloster Amelungsborn in einer Gegend lag, in dem die ältesten archäologisch nachweisbaren Glashütten bis in das frühe 13. oder sogar bis in das 12. Jahrhundert zurückreichen. Wir dürfen also vermuten, dass die Zisterzienser in diesem Fall mit Spezialisten aus dem Weserbergland eine Innovation weitergetragen haben. Dagegen ist bei dem vermutbaren Doberaner Töpferdorf, das die Archäologen im gegenüberliegenden Parkentin ausgegraben haben, eine Anknüpfung an das slawische Handwerk möglich. Es stellt sich die Frage, ob die zunehmende Verbindung von Doberan mit dem städtischen Markt in Rostock für die Innovation anregend gewirkt haben könnte.

 

 - Die verstärkte Ausrichtung auf den städtischen Markt fand in der Mitte des 13. Jahrhunderts seinen deutlich sichtbaren Ausdruck in der Einrichtung eines eigenen Stadthofes im westlichen, nach Doberan hin gelegenen Teil von Rostock. Der Hof diente vorrangig der Lagerung und dem Absatz der im Kloster gewonnenen agrarischen, aber auch der handwerklichen Produkte auf dem Rostocker Markt und im Fernhandel. Mit dem Stadthof gewannen die seit 1189 nachweisbaren, anfangs mobilen Handelsbeziehungen zwischen Kloster und städtischem Markt Stabilität. Der Stadthof stellte zudem die Verbindung des Klosters zur Außenwelt her. Die noch heute erkennbaren Elemente der Kulturlandschaft, die  - abgesehen von Kirche und Klausur – auf die Zisterzienser und die von ihnen abhängigen Leute zurückgehen, seien im Folgenden nochmals genannt:

 

1. der ummauerte Klosterbereich mit dem Wallgraben und den übrigen (z.T. im   Gelände kenntlich gemachten) künstlichen Wassergräben, mit der einstigen   Wassermühle und den übrigen Wirtschaftsgebäuden;

2. die baulichen Überreste und der Ortsname der einstigen Grangie Althof;

3. die Ortsnamen (Glas)Hütten (am Hütters Wohld) und Glashagen;

4. Fischteiche bei Parkentin;

5. die als solche noch erkennbaren Hagenhufendörfer in der Klosterumgebung.

6. Zu erwähnen bleibt zusätzlich der einstige Doberaner Hof in Rostock, dessen Aussehen durch Abbildungen aus der Zeit seit 1585 bekannt ist. Einer der am besten erhaltenen Zisterzienser-Stadthöfe in Norddeutschland befindet sich mit dem Hof des Klosters Neuenkamp (Kampischer Hof) in Stralsund.

 

Ich empfehle, die genannten (und mögliche weitere) Elemente der Kulturlandschaft in der Umgebung des einstigen Klosters in die weiteren Überlegungen mit einzubeziehen, und frage, ob vielleicht auch der sehr bedeutende Stralsunder Stadthof der Zisterze Neuenkamp, die ebenso wie Doberan zur „Linie“ von (Alten-)Kamp gehörte, berücksichtigt werden kann (bereits Teil des Welterbes Wismar – Stralsund).

Ich schlage zudem ein interdisziplinäres historisch-archäologisch-geografisches Forschungsprojekt zum Thema: „Parkentin und Doberan – vorzisterziensisches und zisterziensisches Zentrum“ vor.

Die Zisterzienser gehörten zu den Ordensgemeinschaften, die während des 12. und 13. Jahrhunderts einen namhaften Beitrag zur Integration Europas, genauer des Europas der westlichen Kirche geleistet haben, im Fall Doberans eines Gebietes, das bisher außerhalb desselben gestanden hatte. Da bei ihnen die vita activa mit der vita contemplativa in besonderer Weise verknüpft war, gilt dies auch für die Gestaltung der Wirtschaft und der Kulturlandschaft. Der Konverse, der an der Wange des Doberaner Konversengestühls dargestellt ist und der sich durch den Teufel nicht von seinen Pflichten abhalten lässt, kann als Symbol betrachtet werden. Allerdings haben keineswegs Mönche und Konversen allein das Klostergebiet nach modernen Gesichtspunkten der Zeit ausgebaut. Fratres et coloni, Klosterbrüder und Bauern, schufen dieses Werk. Der Erfolg ihrer Wirtschaftstätigkeit im Raum Doberan im 13. Jahrhundert wird nicht zuletzt in dem bedeutenden Kirchenbau deutlich. Neben ihm haben sich vergleichsweise viele Elemente als Zeugnis der Arbeit in der heutigen Kulturlandschaft in Resten erhalten.

 

Vortrag, gehalten am 3. Dezember 2010 in Bad Doberan

 

 

 

 

Prof. em. Dr. Winfried Schich

Humboldt-Universität Berlin, Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte und Landesgeschichte

 

Wissenschaftlichen Schwerpunkte:

 

·         Brandenburgische und vergleichende Landesgeschichte

·         Geschichte der Germania Slavica

·         Stadt- und Siedlungsgeschichte

·         Geschichte der Zisterzienser

 

Publikationsauswahl:

 

·         Die Entstehung der Stadt Kassel. 1075 Jahre Kassel - 800 Jahre Stadt Kassel, Freunde des Stadtmuseums, Kasel 1989.

·         Beiträge zur Entstehung und Entwicklung der Stadt Brandenburg im Mittelalter (Hg.), Berlin-New York 1993.

·         Slawen und Deutsche an Havel und Spree. Zu den Anfängen der Mark Brandenburg (mit Jerzy Strzelczyk), Hannover 1997.

·         Zisterziensische Wirtschaft und Kulturlandschaft (Hg.), Berlin 1998.

·         Zisterziensische Klosterwirtschaft zwischen Ostsee und Erzgebirge. Studien zu Klöstern in Vorpommern, zu Himmelpfort in Brandenburg und Grünhain in Sachsen (Hg.), Berlin 2004.

·         Wirtschaft und Kulturlandschaft. Gesammelte Beiträge 1977 bis 1999 zur Geschichte der Zisterzienser und der "Germania Slavica". Hg. v. Ralf Gebuhr und Peter Neumeister, Berliner Wissenschafts-Verlag 2007 .

·         Brandenburgisches Klosterbuch - Handbuch der Klöster, Stifte und Kommenden bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts (Hg., mit Heinz-Dieter Heimann, Klaus Neitmann u.a.), 2. Aufl.,Berlin 2009.