• Hochaltar Ältester Flügelaltar der Kunstgeschichte

Doberaner Ausstattung nicht für Tentativliste nominiert

Ausstattungsstücke keine Kulturgüter gemäß UNESCO-Übereinkommen - Religiöses Erbe in Hinblick auf christliche Stätten von Anfang an kein Schwerpunktthema für Tetativliste - Bewegliche Kulturgüter können nicht berücksichtigt werden

Die 346. Kultusministerkonferenz behandelte am 11. Juni die Fortschreibung der Liste der Kultur- und Naturgüter, die von der Bundesrepublik Deutschland zur Aufnahme in die UNESCO-Liste des Kultur- und Naturerbes der Welt angemeldet werden sollen (Tentativliste). Beratungsziel war die Kenntnisnahme des Abschlussberichts des Fachbeirates zur Fortschreibung der deutschen Tentativliste und Beschlussfassung.


Der Fachbeirat war durch die Geschäftsordnung dazu aufgefordert, die in den Anträgen vorgeschlagenen Stätten den drei folgenden Kategorien zuzuordnen und innerhalb dieser eine Reihenfolge vorzunehmen:

Kategorie 1: außergewöhnlicher universeller Wert und die Erfüllung des Kriteriums „Filling the Gaps“
Kategorie 2: außergewöhnlicher universeller Wert
Kategorie 3: kein außergewöhnlicher universeller Wert

 

 

 

Hauptgründe zur Nichtnominierung des Doberaner Antrages

Bezug nehmend auf den 70seitigen Abschlussberichtes des Beirates, führten zwei Hauptgründe zur Nichtnominierung des Doberaner Antrages:


1.) die thematische Schwerpunktsetzung durch den Beirat

2.) Ausstattungsstücke stellen keine Kulturgüter gemäß UNESCO-Übereinkommen dar


zu 1.) Thematische Schwerpunkte

Der Auftrag des Fachbeirates bestand insbesondere darin, Stätten zu identifizieren, die dazu beitragen können, unterrepräsentierte Kategorien der Welterbeliste zu stärken. Aus der Antragslage heraus stellte der Fachbeirat thematische Schwerpunkte zusammen, die in einem inhaltlichen Zusammenhang stehen und Perspektiven für eine thematische Erweiterung der in der Liste bereits vorhandenen Stätten bieten. Viele dieser Themen können aus gesamteuropäischer Sicht als Bereicherung gesehen werden.


1.    Kulturlandschaften
2.    Modernes Erbe
3.    Religiöses Erbe im Hinblick auf jüdische Stätten
4.    Technisches/Industrielles Erbe


Religiöses Erbe in Hinblick auf christliche Stätten war kein Schwerpunktthema im Auswahlverfahren, was einen klaren Nachteil für die Doberaner Bewerbung bedeutet und damit gar keine Möglichkeit zur Unterschutzstellung der einmaligen Ausstattung bot. Diese Kategorienbildung war den Antragstellern, so auch der Doberaner Arbeitsgruppe und ihren Beratern nicht bekannt.



zu 2.) Ausstattungsstücke keine Kulturgüter gemäß UNESCO-Übereinkommen

Der Fachbeirat erkennt die besondere künstlerische und kunsthandwerkliche Qualität der Objekte an; ihr Gesamtzusammenhang ist ungestört und authentisch überliefert. Jedoch seien Ausstattungsstücke keine Kulturgüter gemäß der unter Artikel 1 des UNESCO-Übereinkommens zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt definierten „Monumente, Ensembles und Stätten“. Zudem umfasst der Antrag bewegliche Kulturgüter, die gemäß Operational Guidelines § 48 nicht berücksichtigt werden.

Die Fachberater der Doberaner Arbeitsgruppe sehen dies anders: Die Innenausstattung, meist am Originalstandort stehend, kann nicht losgelöst vom Bauwerk als bewegliches Kulturgut betrachtet werden. Diese Fragestellung wird gründlich diskutiert und an die entsprechenden Gremien und Vertreter des Beirates kommuniziert werden müssen. Zudem war man überzeugt, mit eben diesem Antragsgegenstand die geforderte "inhaltliche Lücke" ("Filling the Gaps") zu füllen, denn Kirchen und Klöster an sich sind auf der Welterbeliste überrepräsentiert, Ausstattungen wurden bislang noch nicht unter den Schutz der UNESCO gestellt.

 

 

 

Beirat würdigt Doberaner Ausstattung

Die besondere künstlerische und kunsthandwerkliche Qualität der Objekte sowie der ungestörte und authentische Gesamtzusammenhang der Ausstattung wird in der Einleitung zur Bewertung der Doberaner Bewerbung wie folgt gewürdigt:

"Der Antrag "Die hochgotische Ausstattung des Doberaner Münsters" schlägt für die Aufnahme in die deutsche Tentativliste die in der Klosterkirche vollständig erhaltene Ausstattung des 13./14. Jahrhunderts vor. Dazu gehören im Mönchschor das Hochaltarretabel, das Sakramentshaus, das Chorgestühl und der Levitenstuhl, der Kelch- und Kredenzschrank sowie der Konversenchor mit doppelseitigem Kreuzaltar, Triumphkreuz und dem Chorgestühl der Konversen. Das Doberaner Münster selbst gehört zu den herausragenden Zeugnissen der Backsteinarchitektur in Europa.
Der Fachbeirat erkennt die besondere künstlerische und kunsthandwerkliche Qualität der Objekte an; ihr Gesamtzusammenhang ist ungestört und authentisch überliefert."

 

 

 

 

 

Nur sieben von 31 Stätten in Kategorie 1

Bewerbungen aus lediglich fünf von 16 Bundesländern erfolgreich auf Tentativliste. Der Fachbeirat empfiehlt innerhalb der Kategorie 1 folgende sieben Stätten für die Aufnahme in die deutsche Tentativliste ab 2016. Anerkennung des außergewöhnlichen universellen Wertes und Erfüllung des „Filling the Gaps“.

1. Höhlen der ältesten Eiszeitkunst
2. Jüdischer Friedhof Altona Königstraße
3. Wasserbau und Wasserkraft, Trinkwasser und Brunnenkunst in Augsburg
4. Künstlerkolonie Mathildenhöhe Darmstadt
5. Die SchUM-Städte Speyer, Worms und Mainz  
6. Alte Synagoge und Mikwe in Erfurt – Zeugnisse von Alltag, Religion und Stadtgeschichte zwischen Kontinuität und Wandel
7. Alpine und voralpine Wiesen- und Moorlandschaften (Historische Kulturlandschaften im Werdenfelser Land, Ammergau, Staffelseegebiet und Murnauer Moos, Landkreis Garmisch-Partenkirchen)


Kategorie 2: Anerkennung des außergewöhnlichen universellen Wertes

Der Fachbeirat empfiehlt innerhalb der Kategorie 2 zwei Stätten für die Aufnahme in die deutsche Tentativliste. Eine gemeinsame serielle Nominierung wird für sinnvoll erachtet.

  • Gebaute Träume – Die Schlösser Neuschwanstein, Linderhof u. Herrenchiemsee des Bayerischen Königs Ludwig II.
  • Residenzensemble Schwerin – Kulturlandschaft des romantischen Historismus

 

 

 

 

Kategorie 3: Anträge, die nicht berücksichtigt werden können

Ergebnisse in der Reihenfolge der vorgegebenen Ordnungsnummern der Anträge:

•    Branitzer Park: Landschaft einer Lebensreise
•    Jüdischer Friedhof Berlin-Weißensee
•    Karl-Marx-Allee / Interbau 1957
•    Memorium Nürnberger Prozesse: Nürnberg – Geburtsort des Völkerstrafrechts
•    Die hochgotische Ausstattung des Doberaner Münsters
•    Die Kulturlandschaft Altes Land
•    15 wendländische Rundlingsdörfer in der Kulturlandschaft Niederer Drawehn
•    Zollverein Coal Mine Complex and the Industrial Landscape Ruhr District
•    Speyer, Worms, Mainz: Die Trias der romanischen Dome am Rhein
•    Die Sayner Hütte
•    Hellerau – Laboratorium einer neuen Menschheit
•    Görlitzer Hallenhäuser an der via regia
•    Leipziger Notenspur – Stätten europäischer Musikgeschichte
•    Jüdisches Stiftungswesen in Fürth und Halberstadt: Ein Beitrag zur Entwicklung des modernen Sozialstaates
•    Der Kirchenschatz am Dom zu Halberstadt
•    Buchenwald – Lager und Gedenkstätte


Die Übernahme in andere (bestehende / laufende) Verfahren wird empfohlen für:

•    Weltbad Baden-Baden
•    Wiesbaden – Europäische Metropole der Gesellschaftskur im 19. Jahrhundert
•    Lutherstätten in Mitteldeutschland
•    Das Bauhaus und seine Stätten in Weimar, Dessau und Bernau

Der Beirat weist darauf hin, dass mit den Empfehlungen keine Wertmaßstäbe für die Stätten als solche verbunden sind. Alle Anträge sind durch ein hohes Maß an Engagement und Kompetenz erarbeitet worden; eine Arbeit, die der Fachbeirat ausdrücklich anerkennt. Insofern enthält der Abschlussbericht für einen Teil der Bewerber, so auch für Bad Doberan, im Kapitel „Alternative Programme“ weiterführende Empfehlungen.


Europäisches Kulturerbe-Siegel


Der Fachbeirat empfiehlt, eine Bewerbung für die Anträge zu prüfen:
•    Die hochgotische Ausstattung des Doberaner Münsters
•    Leipziger Notenspur – Stätten europäischer Musikgeschichte

Ob dieser Empfehlung gefolgt wird, kann zum Redaktionsschluss des Newsletters nicht gesagt werden. Inhaltliche und antragstechnische Gründe sprechen aus Sicht der Doberaner Arbeitsgruppe eher dagegen. Man hat sich zu einem früheren Zeitpunkt des Verfahrens gegen solch eine Bewerbung entschieden. Der gemeinsame Antrag auf das Kulturerbe-Siegel für die Kloster Lögum (Dänemark) und Pelplin (Polen) wurde überdies bereits abgelehnt.