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24.06.2018

Grußwort aus dem Mutterkloster

Familiare Berthold Ostermann grüßte die "berühmte Jubilarin"

Der Familiare von Doberans ehemaligem Mutterkloster Amelungsborn Berthold Ostermann grüßte in einem Grußwort im Rahmen der Festwoche "650 Jahre Schlussweihe des Doberaner Münsters" die "berühmte Jubilarin" wie folgt:

Es ist eine Ehre und Freude, meine Damen und Herren, Segenswünsche und Grüße des Klosterkapitels überbringen zu dürfen: von Abt Eckhard Gorka und dem Konvent, der Familiaritas und dem ökumenischen Frauenkreis. Wir Amelungsborner sind der Kirchgemeinde, dem Klosterkonvent, der Münsterfamilie und dem Verein der Freunde und Förderer des Klosters Doberan e. V. im Geist und Gebet verbunden. Alle sechs Wochen, wenn die Familiaritas im Kloster ist, gedenken wir in der Fürbitte am Sonnabendabend u. a. des Zisterzienserordens, des Klosters Doberan, der Münsterfamilie und unseres Kapitularen Traugott Ohse.

Verehrter Herr Bürgermeister Semrau, wir denken gern an Ihre schöne Stadt mit diesem einmaligen Münster, dieser „Backsteinperle“ auf dem eindrucksvollen Kloster-Campus. Da pulst Leben in Ihrer Stadt! Ebenfalls darf ich die Grüße der Gemeinschaft Evangelischer Zisterzienser-Erben in Deutschland ausrichten. Seit 1993 sind in dieser singulären Gemeinschaft 120 evangelische Kirchengemeinden, darunter 14 Klöster, Stifte, Konvente und Kommunitäten vertreten und treffen sich jährlich, landauf - landab in einer Klosterstätte. Diese Gemeinschaft befindet sich auf dem Boden der Reformation, legt aber Wert auf die gemeinsamen Wurzeln der alten Kirche. Martin Heider und ich arbeiten im Leitungsteam mit, das von den Pastoren Claudia und Axel Lundbeck in Goslar moderiert wird. Leider können sie heute nicht hier sein.

Es gehört zu den wunderbaren Fügungen, dass unsere beiden Klöster - und zudem Doberan mit Pelplin und Dargun - den Kontakt pflegen.

Die Zeit um das Jahr 1100 war in Europa eine Epoche mit großen Veränderungen! Die Bevölkerung wuchs, immer mehr Städte wurden gegründet und das frühmittelalterliche „Kerneuropa“ expandierte. Der Kampf zwischen Papst, Kirche und den Fürsten um die weltliche Macht verschärfte sich. Aber ansteckend war damals das Lied von der Sehnsucht nach dem Himmlischen. Diese Sehnsucht war ansteckender als jede Grippe. Die weißen Mönche wollten konzentrierte Gottsucher sein. Dieses Lied von der Sehnsucht nach dem Himmlischen, ein Bazillus des Lobpreises Gottes, breitete sich aus und innerhalb von 200 Jahren sollten über 1000 Klöster für Mönche und Nonnen folgen. Man reichte das Feuer der Christus-Begeisterung weiter. „Schulen des Herrn“ wollten die Klöster sein, „Werkstätten“ zur Verwirklichung einer idealen Gemeinschaft.

 Das 21. Jahrhundert erlebt auch eine Zeit mit großen Veränderungen auf der ganzen Erde, in unserem Land und in unserer Gesellschaft! Ich erspare uns Aufzählungen. Gegenwärtig wird sich auffällig gern und viel bekannt zu
allerhand, was angeblich oder auch tatsächlich christlich ist. Manche meinen dann von sich, sie hätten allein zu bestimmen über oben und unten, über richtig und falsch, über drinnen und draußen, über Himmel und Hölle. In der
Kirchensprache, dass sie des „Himmelreichs Schlüssel“ hätten, selbst auf- oder zuzuschließen. Die Mönche wussten es, und wir wissen es eigentlich auch: Christus der Herr, der gekreuzigte und auferstandene, ist nicht zu haben ohne
seine geringsten Schwestern und Brüder – die Armen, die Kranken, die Einsamen und Gefangenen, die Anderen und die Fremden. Sie alle sind in Gottes Herz. Wir bekennen uns nicht zu einer Tradition oder zu den Errungenschaften einer Kultur. Wir bekennen uns zu einem Menschen, zu Jesus Christus.

Das Lied von der Sehnsucht nach dem Himmlischen hatte eine enorme Intensität und Ausstrahlung. Die Intensität dieses von Gott berührten Lebens werden wir heute auch annäherungsweise nicht mehr erreichen. Aber ich finde es gut, auf seine Spuren zu stoßen, sich durch Orte wie z. B. Doberan, Amelungsborn, Pelplin und Dargun, auf unserer Suche, unseren eigenen Wegen und Glaubenswegen ermuntern und anregen zu lassen.

Ich stehe hier mit starken mütterlichen Gefühlen. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist etwas ganz Besonderes. „Mutter aller Beziehungen“ nennt sie die Psychologie und charakterisiert sie als die komplexeste
zwischenmenschliche Bindung überhaupt. Sie bewegt sich im Laufe des Lebens in einem großen Spannungsfeld zwischen Liebe, Fürsorge, Anerkennung, Stolz, Neid, Abhängigkeit und Eifersucht. Auf der Suche nach dem eigenen Ich grenzt sich die Tochter ab und kämpft um das Ansehen als unabhängige Persönlichkeit. Sie will nur eins: „nicht so wie Mutter sein". Das sind wichtige Abnabelungs - Reaktionen auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Wenn ich das auf die Mutter-Tochter-Beziehung unserer Klöster anwende -, wir ahnen, was sich da ab 1171 abgespielt hat. Da können schon beiläufige Fragen der Mutter anlässlich eines Besuchs, Visitation nannte man das, zum Outfit wie „Warum plant ihr den Grundriss der neuen Kirche nicht als Kreuz, sondern – unzisterziensisch - nach dem Vorbild der Lübecker Marienkirche?¹ Habt ihr auch die Folgekosten bedacht?" Oder „beschäftigt ihr euch nicht mehr mit Backsteinen als mit dem Heil eurer Seelen?!", Tipps und Ratschläge den Doberaner Konvent zur Weißglut gebracht haben. Er fühlte sich kritisiert, gegängelt und kontrolliert. Das Ringen um Anerkennung und Selbständigkeit war vermutlich über lange Zeit ein Konflikt, der nicht auf Augenhöhe ausgetragen und bewältigt werden konnte. Und die gute Mutter, „Brüder, wir wollen doch nur das Beste für eure Abtei“ durchlebte - wie die Tochter auf ihre Weise - Enttäuschung, Trauer, Zorn, aber auch Eifersucht. Miteinander zu streiten und sich zu reiben ist ja eigentlich ein Liebesbeweis - man bleibt so verbunden und verliert sich nicht.

Uns ist es geschenkt worden, dass wir uns zwar verloren, aber wiederentdeckt haben! Dafür stehen die Namen Traugott Ohse und Christhard Mahrenholz, 55. Amelungsborner Abt. In den 1950er Jahren zog der Landessuperintendent Traugott Ohse den Faden, damit er nicht brüchig wurde. Seit 1979, dem Gedenken an die Zerstörung Althofs durch den Aufstand der Wenden 1179, folgten viele Einladungen zu großen und schönen Jubiläumsfeiern im Münster.

Der Abt Engelhard und seine Amelungsborner Brüder werden nicht frei gewesen sein von Neidgefühlen. Ich gestehe, dass sie mich auch anfliegen. Sie schleichen sich z. B. ein, wenn ich mich länger im Münster aufhalte und staune und bewundere, welch ein großes theologisches Programm gebaut worden ist. - Und weil wir ihn in Amelungsborn nicht haben, den Münster-Kustos Martin Heider. Ein echtes zisterziensisches Goldstück haben Sie hier in Bad Doberan!

Lieber Martin, Du tust dem Doberaner Münster gut! Und ich habe den Eindruck, das Münster tut Dir gut, Martin. Es ist eine wunderbare, große und schöne, ja erfüllende Lebensaufgabe, sich um ein im wahrsten Sinne des Wortes
Weltkulturerbe zu kümmern! Zum Stichwort Neid fällt mir der Liederdichter Paul Gerhardt ein, der in dem Morgenlied "Die güldne Sonne voll Freud und Wonne" in Strophe 6 dichtete:

Lass mich mit Freuden / ohn alles Neiden sehen den Segen, / den du wirst legen / in meines Bruders und Nächsten
Haus. / Geiziges Brennen, / unchristliches Rennen / nach Gut mit Sünde, / das treibe geschwinde / von meinem Herzen und wirf es hinaus.

Last but not least: Abt Engelhard wird die rund 400 Kilometer nach Doberan in 10-12 Tagen geschafft haben. Der festliche Anlass der Abschlussweihe erforderte wahrscheinlich Pferd und Wagen wegen der Einweihungsgeschenke.
Geschenk ist das Stichwort für ein Zitat von Wilhelm Busch: Ein Onkel, der Gutes mitbringt, ist besser als eine Tante, die bloß Klavier spielt.

Bad Doberan, 9. Juni AD 2018
Familiare Berthold Ostermann


Fotos:
1.) Berthold Ostermann, Familliare des Klosters Amelungsborn - der Herr mit der roten Kravatte - im Gespräch nach dem Festgottesdienst (F: K. Heider)
2-4.) Die Klosterkirche Amelungsborn (F: M. Heider)