• Hochaltar Ältester Flügelaltar der Kunstgeschichte
18.07.2005

Entdeckungen im Doberaner Münster (Folge 15)

25 Jahre Schuke-Orgel -

Erinnerungen an eine schöne und schwierige Zeit (1)

Wenn ich mir ein Klavier kaufe und ein altes verkaufe, so wird das alte Instrument abgeholt und gleichzeitig das neue gebracht. Fertig! Gestern spielte ich das alte, heute spiele ich das neue Klavier.

Wie anders ist es beim Orgelbau! Für den Kirchenmusiker stellt er einen harten und doch hoffnungsvollen Vorgang dar. Ein Erlebnis, das wenige Kollegen im Amt erfahren. Am Ostersonntag, 26.03.1978 geschah das Abschiedsspiel auf der alten Orgel, wehmütig im Wissen: Hier steht nun mindestens zwei Jahre kein spielbares Instrument. Wenn die alte Orgel auch ein harter, schwer spielbarer Brocken war, geliebt hat man sie doch. So fließen beim Abriss auch Tränen.

Immerhin dauert er allein ca. zehn Tage, vom Ostermontag an (damals kein Feiertag). Mitarbeiter der Firma Schuke, Potsdam, sind tätig. Es gab einen "Fast-Unfall". Eine große Orgelpfeife kippte, und das auf einen Orgelbauer zu. Er konnte noch zur Seite springen. Und dann gähnende Leere! Für die Zwischenzeit stand das Sauer-Positiv mit vier Registerzügen im Altarraum zur Verfügung, vor den Stufen zum Hochaltar auf der Nordseite. Nachdem die Schuke-Mitarbeiter es richtig in Gang gebracht hatten, spielte es sich vernünftig. Die Kirchenmusik, in diese Zeit sehr gefragt, sollte weitergehen.

Problem Nr. eins: Für jede Orgelmusik musste geübt werden. Das Münster war für die Besucher natürlich offen. Interessant, man konnte die Organistin beim Üben bequem beobachten. Also stand man um sie herum wie im Zoo bei den Affen. Also: Ausweichen in den Gemeindesaal oder zum Glück in die Rostocker Universitätskirche, durch besondere Umstände möglich.

Problem Nr. zwei: Das Münster wurde damals im Innenraum restauriert. Das brachte eine große Lärmbelästigung mit sich. Außerdem lockten liegen gebliebene Essensreste der Bauarbeiter Mäuse in die Kirche. Auch Noten schmeckten ihnen und außerdem spazierten sie unter dem Pedal. Von einem Band Noten fraßen sie Seite 1-12. Unser damaliger Küster, Herr Breitfeld, stellte Fallen auf, fünf Mäuse wurden gefangen, und die Plagegeister blieben verschwunden.

Problem Nr. drei: Bei der alten Orgel konnten bei Stromausfall Blasebälge getreten werden. Jetzt ging es nur mit Motor. Im Schneewinter 78/79 ging Silvester der Strom aus. Die Orgel musste schweigen: Frage der Gemeinde Neujahr: Warum haben Sie zu spielen aufgehört? Anmerkung: Die neue große Orgel geht auch nur mit Strom. Aber nach einem weiteren Problem 1980 wurde die kleine mit einem zusätzlichen Handbetrieb versehen, der aber meines Wissens bisher nie gebraucht wurde.

Inzwischen wurden trotz Neubau der Orgel und der Innenerneuerung des Münsters die kirchenmusikalischen Veranstaltungen weiter durchgeführt, und sie mussten es auch, weil Einnahmen dringend gebraucht wurden. Kollegen halfen kräftig mit, aber auch ich habe sehr viel gespielt. Der gute Besuch belohnte uns. Im Sommer war wöchentlich Kirchenmusik, im Dezember ebenfalls, in der kalten Jahreszeit (Oktober, November und Januar bis April) ein Mal im Monat, verkürzt auf dreißig Minuten. Manche Musikliteratur, die für kleine Instrumente entstanden war, konnte man nun im Münster hören. Auch das ein Geschenk unserer Vorfahren

!Am 12. November 1979 sollte die Montage der neuen Orgel beginnen. Die Mitarbeiter der Firma Schuke unter Herrn Warnecke waren da, zwei Lkw mit vorgefertigten Teilen auch. Der dritte Lkw hatte unterwegs Feuer gefangen. Zum Glück wurde die Ladung nicht beschädigt. Für die Orgelbauer begann nun eine schwere Zeit. Die Kirche war kalt, immer wieder mussten die Tischler zum Arbeiten gedrängt werden, weil der Gehäusebau hinterherhinkte. Drei Frauen aus unserer Kirchgemeinde sorgten wöchentlich abwechselnd für Essen und Trinken: Frau Eggert, Frau Fritz und Frau Haber. Ihnen sei auch im Nachhinein herzlich gedankt, dass die Montage so voranging und bis Ende Januar 1980 beendet werden konnte. Gegen Ende kam auch der Spieltisch auf die Empore. Als Organistin, die nur alte Orgeln kannte, war es kaum zu fassen, wie neu alles war.

Am 6. Juli 1980, heute vor 25 Jahren, war dann der große Tag der Orgelweihe. Die Orgel ist an ihrem heutigen Geburtstag um 11.45 Uhr zum Mittagsgebet zu hören.

M.-L. Förster, Kantorin i.R.